Versailles in Alberta

Sonja hatte zu meiner Erwaehnung des Pestizid-Einsatzes unglaeubig kommentiert. Ich glaube inzwischen, an vielen anderen Orten der Welt kann man ein bisschen auf einer Insel der Glueckseligen sitzen und nicht mitbekommen, wieviele Schweinereien es in dieser Hinsicht wirklich gibt. Pestizide gegen Wildwuchs sind bei uns die Norm. Unsere Strassengraeben werden regelmaessig totgespritzt, und letztes Jahr geschah das sogar trotz unserer von der Gemeindeverwaltung zur Verfuegung gestellten Schilder, die das verboten. Dafuer mussten wir eine komplizierte Vereinbarung mit der Verwaltung unterschreiben, in der wir uns verpflichten, ab sofort selbst fuer die Kontrolle von Aufwuchs und Vernichtung der vielen als landwirtschaftsschaedlich klassifizierten Unkraeuter zu sorgen. Man fuehlt sich fast wie ein Verbrecher, wenn man so etwas beantragt. Der junge Mann aber, der den Spruehwagen fuhr, uebersah die Schilder einfach und spritzte trotzdem. Meine Recherchen und mein sofortiger erzuernter Anruf beim MD ergaben, dass es sich zwar um ein nicht unmittelbar warmblueter- oder bienengefaehrliches Spritzmittel handelte, dass es aber ausreichende Hinweise dafuer gibt, dass z.b. meine Ziegen das Zeug mit dem Gras aufnehmen und unverarbeitet wieder ausscheiden. Es sitzt dann im Mist, der zu Kompost wird, jedenfalls bei mir, und dann – Achtung aufgepasst! – z.B. meine Tomaten zum Welken bringt. Das ist doch auch mal was Nettes, oder? In anderen Laendern ist das Mittel laengst verboten.

Dieses Jahr sieht es mir ganz so aus, als sei trotz gegenteiliger Versprechen vom letzten Jahr waehrend meiner Abwesenheit das gleiche passiert: an unserem Grundstueck entlang stehen Pflanzen, die gar nicht gesund aussehen… Es wird wohl mehr erzuernte Anrufe geben muessen. Man nennt das hier uebrigens nicht Unkrautvernichtung, sondern sehr elegant „Aufwuchskontrolle“. Aaah ja! Und ob sich irgendjemand Gedanken um das Grund- oder auch Oberflaechenwasser (das in meinen Dugout fliesst) macht, wage ich zu bezweifeln. Letztes Jahr erklaerte mir die zustaendige Dame (offizieller Titel: Agricultural Fieldman), dass sie mit ihrem begrenzten Budget unmoeglich alle Graeben einfach nur maehen lassen koenne, da muessen Pestizide her.

Hinter diesen Aktionen steht m.E. unter anderem – und hier kommen wir auf Versailles – die nach meiner Erfahrung ueberall verbreitete Ansicht, nicht zuletzt gestuetzt durch sehr konservative Bibelinterpretationen der vielen kirchlichen Gruppen hier im kanadischen Bible Belt, dass der Mensch sich die Natur untertan zu machen hat. Koste es, was es wolle! Zu vital und offensichtlich bedrohlich ist die Wildnis, als dass man nicht mit schwerem Geschuetz gegen sie angehen muesste, wie Ludwig XIV seinerzeit. Und Gewinne bzw. kurzfristige Erfolge bestaetigen nur, dass man auf dem richtigen Weg ist. Reichtum wird haeufig als etwas Gottgewolltes angesehen und darum gern angestrebt. Nebenwirkungen ignoriert man, da moegen andere sich drum kuemmern. Hauptsache, es funktioniert erstmal, und das Canola steht allein auf weiter Flur. Und wenn etwas nicht so toll funktioniert (Canola in Monokultur, z.B., ist das Paradies fuer Kohlweisslinge und Erdfloehe, die anderenorts aber viel Schaden anrichten), muss eben mehr Chemie her. Ein Umdenken hin zu einer nachhaltigeren Bewirtschaftung bzw. Landwirtschaft kann ich hier nur sehr vereinzelt feststellen. Zu reizvoll sind die Chemikalien, deren multinationale Produzenten einfache Loesungen und grosse Gewinne versprechen.

Wir als Konsumenten koennen das foerdern, indem wir immer gern das Billigste kaufen, oder abstrafen, indem wir genauer pruefen, was wir kaufen. Dafuer braucht es allerdings ein Umdenken auf weiter Front… Ein endloses Thema, fuer das ich jetzt keine Zeit habe, weil ich naemlich meine kleine nachhaltige Landwirtschaft versorgen muss 😉

2 Gedanken zu „Versailles in Alberta

  1. SonjaM

    Ja, und da wundern wir uns, dass wir vermehrt Allergien, Lebensmittelunverträglichkeiten, oder auch gern mal einen Krebs haben… Menschen sind schon ein komisches Vieh.

  2. Petra Autor

    Meine naturheilpraktische hausaerztin hier wies mich schon vor jahren darauf hin, dass die krebsrate in alberta ueberproportional hoch sei. Uebrigens laeuft ja hier auch mein tafel- und schmucksilber ganz stark an: schwefel in der luft! Das hat aber wohl mehr mit der oel- und gasindustrie zu tun als mit pestizid- und herbizideinsatz.

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