Old Man Winter

So, der Van ist fast fertig betrauert. Ein anderer, juengerer mir angebotener Mini-Van, so wie mein geliebter, aber auch verschrotteter Plymouth Voyager, entpuppte sich als viel zu teuer. So werden Madame Delphine und ich uns einen weiteren Winter mit Hinterradantrieb durchschlagen/-schlittern. Und der Winter ist da! Nach dem ersten, sehr unangenehmen Nassschnee, als der Van verstarb, fielen die Temperaturen, und es gab „richtigen“ Schnee. Im Anmarsch sieht das so aus:

Ungemuetlich! Man denkt an Rilkes Herbstgedicht, gluecklicherweise habe ich ein Heim und ausreichend Holz. Dennoch verlangt solches Wetter relativ hektische Aktivitaeten. Alles, was im Schnee versinken koennte – und das ist je nach Schneemenge viel! – muss noch schnell gesucht und irgendwie gesichert werden, entweder durch Senkrechtstellen oder, indem man es unter ein Dach raeumt. Davon haben wir irgendwie nie genug, Daecher sind im Winter Mangelware. Auch die Gaense wurden, wenn auch nicht hektisch, so doch sehr organisiert und zielstrebig. Die Gruppen wuchsen zu Hunderten und Aberhunderten an. Fuer sowas fahre ich rechts ran, um zu gucken und, vor allem, zu lauschen. Ich liebe Gaenserufen. Diese Gruppe hier wurde begleitet von einem Schwan (GAENSEHAUT!!) und war durchsetzt von einigen Schneegaensen.

Die Ernten waren gut dieses Jahr, und so finden die Gaense auf vielen Feldern noch Reste, die sie sich, genau wie wir, auf die Hueften und an andere sinnvolle Stellen packen. Seit aber vor zwei Tagen etwa der Schnee so richtig begonnen hat, hoere ich keine mehr. Ab nach Sueden!

Nach einer recht langen Phase der Bequemlichkeit und Weicheiigkeit (vornehmlich auf dem Sofa) besinnt Emmi sich auf das, was sie persoenlich am Herbst/Winter liebt und wofuer sie gern Schnee im Pelz in Kauf nimmt: Der von ihr bewachte Schatz ist ein Ziegenkopf. Es gab den unvermeidlichen Schlachttag, diesmal mit einem „richtigen“ Metzger.

Ueblicherweise kaufen die Menschen, die nicht selbst schlachten, und das ist natuerlich die Mehrzahl, ihr Fleisch im Supermarkt. Wo genau das herkommt, weiss ich nicht, will man vielleicht auch nicht wissen, wenn man es sowieso nicht kauft. Es gab kuerzlich wieder einen massiven Lebensmittelskandal, in einem Monster-Schlachtbetrieb im Sueden Albertas. E.coli wurde in Fleisch entdeckt, es gab Krankheitsfaelle, der Betrieb mit 2.200 (!) Mitarbeitern wurde voruebergehend geschlossen. 4700 Kuehe am Tag konnten „durchgeschleust“ werden, und die Produkte wurden ueber das ganze Land und auch in die USA verteilt. Eine Rueckrufaktion umfasste ueber 2000 Fleischprodukte. Die USA ergriffen natuerlich sofort Massnahmen, die Grenze wurde geschlossen, und die Rinderpreise hier in Alberta fielen zu einer kritischen Zeit, wo die Bauern naemlich Kaelber und aussortierte Kuehe verkaufen, drastisch, vor allem fuer die alten Kuehe. Die Beteiligten, naemlich XL-Meats und die Canadian Food Inspection Agency, schienen sich gegenseitig Vorwuerfe zu machen, und die CFIA hat extra eine Seite eingerichtet, auf der ueber den ganzen Skandal behoerdenmaessig berichtet und Fragen beantwortet werden. Natuerlich ist es einfach, der kontrollierenden Behoerde vorzuwerfen, sie haette nicht genug kontrolliert, doch die wirklich Frage scheint mir: Warum kann das ueberhaupt passieren? Und weil ich ein Simpel bin, sage ich mir, dass diese Betriebe einfach viel zu gross sind, um ueberhaupt noch irgendetwas kontrollieren zu koennen. Die Arbeiter sind ueblicherweise eingewandert, mit Arbeitsvisa oder auch Daueraufenthaltsgenehmigung, viele kommen aus afrikanischen Laendern. Ueber die Loehne kann ich nur spekulieren. Und was ist die kanadische Loesung: Der Betrieb wurde aufgekauft, von einem noch groesseren, multinationalen Unternehmen, basiert in Brasilien, doch zustaendig ist nun die USA-Niederlassung. Er laeuft wieder, bisher noch nicht mit voller Nutzung, aber immerhin.

Derweil bei uns: in Valleyview gibt es seit kurzem einen ganz kleinen Fleischverarbeitungsbetrieb, und der Metzger kommt aus der Schweiz. Wir lernten uns auf dem Farmers‘ Market kennen, und weil Hans eine Mobile Schlachterlaubnis hat, konnte er am Freitag kommen und professionell einige Ziegen schlachten, die jetzt im Betrieb zerlegt und teilweise verwurstet werden. Wir sind gespannt. Es wird u.a. Keule nach Art des Buendner Fleisches geben! Alles ohne E.coli, und falls es Probleme gaebe, wuesste ich, wo der Metzger wohnt. Das ist m.E. eine prima Absicherung gegen Schlamperei am Fleisch. Solche Betriebe sind leider selten, weil die Kunden immer Bequemlichkeit, also das beruehmte One-Stop-Shopping, und natuerlich niedrige Preise wollen. Nun, nicht bei uns, und so kann Emmi sich weiterhin ueber ihre Schaetze freuen, und auch die Haeher sind sofort eingeflogen und teilen sich Fettstuecke mit den Meisen.

Und waehrend ich dies schrieb und zwischendurch noch – ein Segen der Technik – lange mit meinem einen Kind telefonierte, ist es hell geworden, und ich kann euch den aktuellen Schneestand zeigen. Mein deutscher Zollstock meldet 28 cm, und dazu zeigt das Thermometer -15 Grad C. Old Man Winter, wie ich sagte…

4 Gedanken zu „Old Man Winter

  1. SonjaM

    Brrrr! Ich glaub mein Regen ist mir lieber…

    Den Fleischskandal habe ich auch verfolgt, echt eklig. Wenn ich mich nicht bereits seit einiger Zeit dem Veganen verschrieben haette, waere mir spaetestens dann der Apetit auf Fleisch gruendlich vergangen.

    Wir kaufen unser Fleisch immer beim Bio-Bauern, der nur regionales Fleisch von ‚gluecklichen‘ Tieren anbietet. Man merkt den Unterschied schon im Geschmack.

  2. R.

    Jetzt muss ich aber mal neugierig nachfragen: sich dem Veganen verschreiben und Fleisch kaufen – wie kriegt man denn das unter einen Hut? Und wer isst das dann?

  3. Petra

    Ha, das haette ich mir denken koennen, dass das R da aufhorcht 😉 ich denke mal, dass roland zustaendig fuer den fleischverzehr ist. Ich weiss ja auch, wie es ist, wenn’s in der familie bandbreite gibt.

  4. SonjaM

    Bezueglich R: Der Gatte isst ’normal‘. Ich koche immer ein fleischloses und ein fleischhaltiges Gericht.

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