Alberta Morning

Oh, das Hirn! Da hatte ich an diesem und am letzten Dienstag poetische Texte geschrieben und Bildchen ausgesucht, und jetzt hab ich den Text zu Hause gelassen. Aber die Bildchen sind da, und weil anscheinend Menschen ja visuelle Wesen sind, schick ich die schonmal und erklaer sie mit dem Text spaeter. Nur zum ersten Bild sag ich schonmal, dass da, wo die Sonne hinscheint, die Cabin entstehen soll.

Hier jetzt die „offiziellen Texte:
Das war am 10. Juli:
Zurueck aus der Zivilisation!
8:15 am Dienstag, und ich habe schon meinen Gatten mit einem Lunchpaket versehen zur Arbeit geschickt, etwa 1 Stunde gesportelt, die Ziegen gefuettert, mir Fruehstueck gemacht und jetzt sitze ich hier und schreibe euch was auf. Das sind alles die Nachwirkungen von meiner Woche in der Zivilisation, ich sag’s euch! Ich weiss gar nicht, wie ich das beschreiben soll, ohne alle meine Vorurteile hier zu lueften. Jedenfalls war es himmlisch, und ich fuehlte mich umgeben von „normalen“ Leuten, obwohl es ja eindeutig Spinner/innen waren! Wir fuhren ja zu viert, Jody (die mich zum Spinnen gebracht hat), ihre Freundin Josie (schwierige Namensverwirrungen vorprogrammiert), und Josies 11jaehrige Tochter Lyndan. Leider hatte ich urspruenglich aus Geldmangel nur den Master Spinners Kurs, Level 1, gebucht, die anderen hatten schon Samstag und Sonntag wunderbare Kurse, Filzen und Spindelspinnen und all so’n Zeugs. Ich hab mich ein bisschen geaergert, dass ich das verpennt habe. Dennoch war alleine das College fuer mich eine Offenbarung, weil es naemlich ein landwirtschaftliches ist und einen botanischen Garten hat – mit Staudenbeeten, ach war das schoen. Wenn man mal vom allgegenwaertigen Pestizidgeruch absieht, war die Welt voller Jasminstraeucher, Pfingstrosen, Baldrianstauden, lauter Dinge, die lecker riechen. Und dann alles, was schoen aussieht: Graeser, Stauden, Straeucher, wundervolle alte Baeume. Es war so beruhigend zu sehen, dass die das tatsaechlich doch hier koennen. Ich hatte ja fast schon aufgegeben. So bin ich Samstag und Sonntag verzueckt ueber den Campus gewandert, immer mit der Nase gelb vom Bluetenstaub und vom vielen Schnuffeln (ach, und die Iris!!!) Und dabei begegnete ich dann auch dauernd Frauen (ueberwiegend, wenn auch einige Maenner an den Kursen teilnahmen), die Spindeln spazierentrugen oder Spinnraeder oder Beutel mit Wolle. Weil ja alle zum selben Zweck da sind, quatscht jeder mit jedem, und weil die meisten Namensschildchen trugen, hatte man gleich einen Aufhaenger. Fuer mich war es meistens: Wo bitteschoen ist denn um Himmels Willen Sunset House???? Und es gab eine Vendor’s Mall, also eine kleine Reihe von Verkaufsstaenden. Ich war ja mit dem Vorsatz gekommen, mir was zu goennen, und so habe ich mich ueberhaupt nicht schlecht gefuehlt, wenn ich praktisch nach jedem Besuch dort mit einem weiteren Tuetchen voller Schaetze zu unserem netten Studentenreihenhaeuschen wanderte. Abends wurden dann Schaetze verglichen, Berichte ueber den jeweiligen Kurs erstattet und abenteuerlich gekocht, weil naemlich entgegen unserer Hoffnung die Wohnung keine Toepfe und kein Geschirr hatte. Mit einem Topf kann man tolle Sachen machen!

Montag fing mein Kurs an. Die Kursleiterin war sehr nett, aber auch recht unorganisiert. Die Teilnehmerinnen waren durchweg sehr nett, und ich habe die tollsten Sachen gelernt, die wahrscheinlich bei euch niemanden interessieren (ausser vielleicht Frau Claudi und Kusine Maren). In der Theorie kann ich nun Wolle mit Seide mischen, woollen und worsted spinnen, letzteres ist Kammgarn, wie das andere, puschelige auf deutsch heisst, weiss ich nicht. Ich habe mit so genannten Hackles gearbeitet, moerderisch gefaehrlich aussehende, weil mit 2 Reihen von spitzesten Zinken versehene stationaere Wollkaemme, dann mit Handkaemmen verschiedener Groessen, ich habe mit Cochenille gefaerbt und anderen Leuten beim Faerben mit Ringelblumen und Cotoneaster zugeschaut (sehr schoene Farben, wer haette das vor allem dem oeden Cotoneaster zugetraut!?) Ich habe gehoert ueber Seidenknubbels, Seidenkammzug, Seidenabfaelle (weiss der Geier, wie das alles korrekt auf deutsch heisst), und ich habe gehoert, dass manche Leute mit ihren Seidenraupen reisen, jawohl! Muessen naemlich alle 2 Stunden mit Maulbeerblaettern gefuettert werden, die Guten… Ich habe Gereon schon vorgeschlagen, ob wir nicht von Bienen auf Raupen umsteigen wollen, aber er ist nicht drauf eingestiegen. Noch nicht… Weil, eigentlich mag ich ja Seide lieber als Honig.
Bei der Vliesschau habe ich mich fuer ein Lamavlies eingetragen, leider aber noch nichts gehoert. Ein schickes Vlies, schwarz und weich. Dann musste ich unbedingt ein Teeswater-Vlies aus Oklahoma kaufen, it spoke to me. Das ist hier die Ausrede: It spoke to me. So sprachen auch jede Menge Beutelchen Wolle zum Filzen und Spinnen zu mir, dazu noch zwei Spindeln und die bereits anvisierte Nostepinne. Von den Kaemmen, die ich wollte, hoere ich noch nix, die waren nicht da, und ich werde sie wohl bestellen muessen. Aber Kaemme machen Kammzug, und Kammzug spinnt sich wie Butter. Also wollen wir da mal drauf hinarbeiten.
Es waren 7 Provinzen und die Nordwestlichen Territorien vertreten, dazu 5 US-Staaten und ein Teilnehmer aus Nepal, der absolut erstaunliche Wandbehaenge herstellte.
Und obwohl alles so sehr nett war, waren wir nach der Woche platt, Information Overload. Und im Hinterkopf geistert der Gedanke an einen Webstuhl herum… Das Faservirus ist extrem virulent oder wie das heisst, und es nimmt verschiedene Auspraegungen an, am liebsten alle gleichzeitig, da waren sich die Teilnehmer einig. Kaum eine/r, die/der „nur“ spinnt, die meisten stricken, weben, haekeln, faerben, naehen und filzen natuerlich, die ganz Dollen sticken auch noch. Erstaunlicherweise sind manche zudem berufstaetig. Wie das alles geht, ist mir ein voelliges Raetsel.

Auf dem Rueckweg haben wir dann noch ein paar Entchen eingepackt, so genannte Call Ducks, die unfairerweise urspruenglich dazu da sind, von den Jaegern zum Anlocken (Call) der zu jagenden Enten rumgeschleppt zu werden. Meine sind weiss, theoretisch ein Paerchen. Sie haben sicherheitshalber gestutzte Fluegel, was sie aber nicht zu wissen scheinen, denn sie fliegen wie die Adler, na ja, relative Adler, etwas unkontrolliert, doch immerhin quer ueber die Kueche. Heute haben sie beschlossen, dass der beste Platz nicht in der Wassertonne, sondern bei den Huehnern unterm Ziegenstall ist. Wie daemlich! Kuekenstand hat sich mindestens verdoppelt, und taeglich koennen neue auftauchen, u.a. sitzt der Wellensittich versonnen in einem kleinen Brutappartement.

Der Garten ist prima gewachsen, wenn auch noch laengst nicht so gut wie der bei Nachbars, die natuerlich ihren seit Jahren mit Mist fuettern. Naechstes Jahr koennen wir das auch. Doch immerhin gibt es ja schon seit ein paar Wochen bei uns eigenen Salat, und gestern abend gab’s das erste eigene Blattgemuese, vom Ausduennen der roten Bete und des Mangolds.

Martha kocht nun luxurioes draussen J, mit sommerlich leichtgewichtigem Kuechentresen unterm Dach. Das ist fein und sehr praktisch, weil es doch immer mal wieder regnet. Was auch praktisch ist, weil wir dann nicht soviel giessen muessen.

Und das war am 17. Juli:
Jetzt ist schon wieder Dienstag, ein wunderschoener Alberta Morning, mit knackigen 15 Grad und nach einem Nachtregen schoener frischer Luft. Fast koennte man glauben, dass „morgens um sieben die Welt noch in Ordnung“ ist, selbst hier in Alberta. Hanna und ich wissen das besser, aber wir sagen heute mal nix… Wo die Sonne hinscheint, soll uebrigens die Cabin entstehen (ich sag jetzt nicht mehr Haus, in der Hoffnung, dass dann nicht ganz so viele Fragen nach dem Baufortschritt kommen).
Ueber eine Woche ist vergangen, seit ich aus Olds zurueck bin, und noch immer habe ich nicht alles ausgepackt. Aber einen kleinen Eindruck von meinen Schaetzen gebe ich weiter unten: Zwei neue Spindeln und die Nostepinne. Und einige wenige der milliausen Beutelchen voller Wolle, die ich mitgebracht habe.
Letzten Dienstag abend waren die Entchen verschwunden und blieben zwei Tage lang verschwunden, bis ich sie auf dem Dugout suedlich unserer Strasse entdeckte. In einer Aktion, die Gereon schlammnasse Fuesse und mir diverse Moskitostiche einbrachte, haben wir sie muehsam wieder eingefangen und auf unserem „Haus-Dugout“ ausgesetzt, Insel inklusive. Das scheint ihnen zu gefallen, und so machen sie heute morgen sehr dekorative Bildchen auf dem Wasser, ueber dem jetzt, mit aufgehender Sonne, ein Dunstschleier liegt. Die Ziegen sind noch muede, das Lama liegt wie tot mit ausgestrecktem Hals und seltsamen Hinterbeinen, wie immer. Das arme Vieh sollte laengst geschoren sein, doch noch hat es alle Haare. Das muss so jucken, dass es sich gestern von mir den HALS HAT KRAULEN LASSEN, ohne Festhalten. Das hat es noch nie gegeben! Vielleicht wird es doch noch kuschelig.
Die Gegend um die Ziegenstaelle ist gesprenkelt mit eifrigen Kueken, wir haben sicher etwa 50 inzwischen. Auch der Wellensittich tauchte aus der Wochenstube auf, mit einigen Schwierigkeiten und in zwei Anlaeufen hat er 4 Kueken erbruetet, 6 Eier hintenan gelassen. Das scheint so ueblich zu sein, dass die Huehnchen hier eine Menge Ausschuss produzieren. Liegt wohl an ihrem aeusserst unsortierten, kommunalen Legeverhalten, wo jede, die den Drang verspuert, mal noch ein Ei dazu legt, so dass der Schlupf nicht fuer alle am selben Tag stattfaende. Schade. Aber wir haben auch so genug Huehner.
Direkt neben mir in der Birke an der Kueche fuettern Herr und Frau Robin ihre Brut, und ich sehe, wie nach und nach mehr abenteuerlustige Huehner-Teenager in den Garten klettern, um Krabbeltierchen zu erbeuten. Sollen sie mal machen, schadet nicht. Die Tomaten gedeihen praechtig, auch ohne das von der Nachbarin empfohlene Spray, das die Pflanzen auch ohne Bestaeubung zum Fruchtansatz provozieren soll. Es enthaelt Chlor-Hexa-Pheno-Gedoehnsrat, lauter Wort-Teile, die ich nicht auf unseren Tomaten haben will. Ich frage mich, wo die Sinngebung liegt. Haben Tomatenpflanzen nicht das inherente Beduerfnis, unter einigermassen guenstigen Bedingungen eben Tomaten zu produzieren? Und fuer Tomaten duerften die Bedingungen gerade guenstig sein: Es ist heiss, heiss, mehrere Tage hatten wir 35 Grad und mehr, leider kuehlte es auch nachts nicht wirklich ab, und unser Schlafzimmer ist viel zu warm. Nur eines unserer Fenster hat ein Moskitogitter, so dass wir keinen Durchzug machen koennen. Diese Moskitos naemlich gehen Tag und Nacht ihrem unerquicklichen Treiben nach. Nur bei der Gluthitze scheint es sogar ihnen zu warm zu sein – bis der kuehlere Abend kommt, und dann nehmen sie Anlauf. Dass es wirklich heiss ist, sieht man daran, dass der Imker kurze Aermel traegt – eine absolute Seltenheit! Im Wald ueberall wachsen jetzt mannshohe wilde Rittersporne, Larkspurs, die zwar giftig fuer das Vieh, aber wunderschoen sind – waren mir letztes Jahr gar nicht aufgefallen. Da wuenschte ich mir mehr Talent als Fotografin. In der Strassengraeben bluehen dazu jetzt ueberall die roten Indian Paintbrushes, Weidenroeschen und jetzt auch Goldruten. Paintbrush und Goldruten sollen mir noch fuer meine Spinner-Hausaufgaben als Faerbemittel dienen – ich habe jede Menge zu erledigen, und da scheint ein Jahr kurz.
Trotz des heissen Wetters gibt es noch echte Schlammloecher, wie die Woelkchenziege auf die harte Tour feststellen musste. Ich sah sie etwas seltsam den Kopf bewegen und ahnte schon Boeses. Bis ich mir allerdings die Schuhe angezogen hatte, war sie schon selbst aus dem Loch beim Dugout freigekommen. Die Fangopackung hielte eine Zeitlang sogar ihre milchgierigen Soehnchen von ihr fern!
Ja, und dann ist da noch Trudi. Trudi kam am letzten Donnerstag zu uns, als Nachfolgerin des verstorbenen mehr oder weniger namenlosen Katers. Trudi ist unehelich, und Monica, die mir Trudi geschenkt hat, weiss nicht, wer der Vater ist. Die Mutter jedoch vererbt Puscheligkeit. Trudi sieht aus, als wuerde sie regelmaessig den Schwanz in die Steckdose halten, um ihre Frisur „auf Stand“ zu halten. Das Handyhuellen-Krokodil zeigt, wie winzig sie mit ihren sieben Wochen ist. Das hindert sie jedoch nicht daran, unsere Beine als Untergrund fuer ihre Nadelfilz-Uebungen zu benutzen, dieser Tage ist mein Rock an mir festgetackert. Noch wohnt sie aufgrund ihrer Winzigkeit im Schlafzimmer und kennt nur Nini und Zora, Emmy ist manchmal doch sehr unkontrolliert, sie scheucht auch die wertvollen Entchen. Da muessen wir uns mal Zeit nehmen und Trudi und Emmy einander vorstellen.

alberta_morning.jpg enteneinzug.jpg entenzaun2.jpg enteninsel.jpg imker_im_sommer.jpg larkspur.jpg kuekenschwemme.jpg leghorn.jpg wellensittich_mutter.jpg woelkchen_fango.jpg marthaoutdoors.jpg olds_schaetze.jpg
Und dann ist da noch Trudi!
trudi3.jpg trudi.jpg trudi2.jpg

3 Gedanken zu „Alberta Morning

  1. Goaty

    also trudi braucht nun wirklich keinen text, die ist ja wohl nur süß!
    ich meld‘ mich dieser tag mal per hörnchen.
    schöne grüße von uns allen

  2. helga

    die begeisterung kann rüberspringen ! aber solch einen kurs gibt es hier nicht.- wird gereon im nächsten winter filzstiefel tragen ?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.