… aka Emma Nolte

Ich bin sozusagen befoerdert worden. Auf einen Traktorsitz. Und nenne mich nunmehr die kanadische Emma Nolte. Und das kam so:

Erst war irgendwie kein Sommer. Regen, Kaelte, der Garten wurde nix, die Bienen flogen nicht, keiner konnte Heu machen. Und dann, wie das ja oft geht, kam alles auf einmal. Es wurde warm und sonnig, im Garten waechst der Klee wie bloede – das Gemuese natuerlich nicht, vor lauter Klee. Al the appleman kam mit der ersten Fuhre, so dass ich einmachen musste. Und zwischendurch Brot backen. Tomaten hab ich auch schon geerntet, Bild ist nix geworden. Die Bienen wurden hektisch, denn der Klee, dem der Regen bis dahin sehr gut gefallen hatte, stand nun ueberall zur Verfuegung. Und dann sprach Marv, mein Heulieferant, mit dem Herrn Chef darueber, dass er so spaet sei mit dem Heu und dass er eigentlich Hilfe braeuchte, und der Herr Chef bot mich als Leiharbeiterin an. Jedenfalls habe ich mir das so zusammengereimt. Und nu fahr ich Trecker! Ach, der Herr Lieblings-Nachbar waere stolz auf mich. Irgendwie muss ich ihm noch ein Bildchen zukommen lassen. Der Weg zum tatsaechlichen Fahren war natuerlich etwas holperig. Schliesslich ist dies Nordwest-Alberta, neue Traktoren sind nicht die Norm. Morgens frueh um 6 stand ich also auf der Heuwiese und wurde von Marv eingewiesen in die Feinheiten des Case-Traktors (Baujahr geschaetzt 1975) und des Maehwerks (im Baujahr wahrscheinlich irgendwie passend). „Wir tauschen jetzt erstmal ein paar Messer aus!“ *gruselgruselgrusel* Das Maehwerk ist, anders als ich das aus Deutschland kannte, so ein breites Teil mit geschaetzt acht kleinen Kreiselmaehern drin. Dahinter laeuft eine Walze, die das Maehgut knickt, damit es nicht platt auf dem Boden liegt und somit besser trocknen kann. Gewendet wird hier ueblicherweise nicht. Der Messeraustausch erwies sich schon als schwierig. Nix passte zusammen, aber Marv, ein guter Albertaner, hatte noch ein paar eigentlich ausrangierte Messer, die er aber natuerlich nicht weggeworfen hatte („I hate to throw things out.“ Waer‘ ich nie drauf gekommen…) und die zwar nicht mehr gut, aber irgendwie noch brauchbar waren. Dann erklaerte er mir – gefuehlt – 100 Schmiernippel, die alle unterschiedliche Mengen Fett zu unterschiedlichen Zeiten bekommen mussten. Aus einer Fettpresse, die nicht mehr so wirklich funktionierte. Fuer die zweite, luxurioesere Presse fehlte aber gerade mal die Batterie. Nun ja. Als alles „repariert“ und geschmiert war, bestiegen wir das aeusserst komfortabel eingerichtete Fuehrerhaus. Es gibt Klimaanlage in Form von fehlenden Scheiben seitlich, sehr hilfreich. Der ergonomisch ausgezeichnet gestaltete Sitz war in Wirklichkeit gar nicht so unbequem. Heute weiss ich naemlich, dass der zweite Trecker noch ganz andere Dinge zu bieten hat. Auf meine Frage nach dem Sinn und Zweck eines Spanngummis von der Kupplung zum Traktorrahmen erfuhr ich, dass das die „Rueckholfeder“ fuer das Kupplungspedal sei, andernfalls funktioniere das nicht. Ah ja. Und dann donnerte Marv mit mir los. Es gibt drei Gaenge und drei Bereiche und siebentausend Hebel fuer die PTO (ich weiss nicht mehr, wie diese Welle auf deutsch heisst), und dann noch die Hydraulik, die ein bisschen undicht ist und und und. Nur die Bremse, die lernte ich erst spaeter kennen, denn „die benutze ich eigentlich nie“. Vor meiner ersten Selbstfahrerrunde warnte Marv nochmals, dass die Kupplung ein bisschen interessant sei und liess mich dann auf das Gras los mit den Worten: „Let ‚er buck!“ – Na, das hab ich dann auch getan. Mit einem Riesensatz knatterten wir ins Geschehen! Oh boy, wie peinlich! Aber inzwischen kann ich das Ding anfahren, ich sag’s euch, butterweich! Ach, und auch in die diversen Kurventechniken wurde ich eingewiesen. Linksrum ist schwierig, rechtsrum geht auf einem Untertaesschen, relativ gesehen, aber man muss hoellisch aufpassen, dass man das Maehwerk, wenn man sich schon so fortgeschritten fuehlt wie ich nach zwei Stunden, bei den schwungvollen grossen Linkskurven nicht in den Busch knallt – das kaeme nicht so gut. Irgendjemand hat es schon vor mir mit den Zaunpfaehlen ausprobiert, das konnte ich sehen. Kurven- ebenso wie Geradeausfahrten werden dadurch interessanter gemacht, dass die Lenkung ungefaehr eine Lenkradumdrehung Spiel hat. Da ist schon eine gewisse strategische Planung vonnoeten, um da abzubiegen, wo man das wirklich will. Ich ertappte mich dabei, dass ich am ersten Tag so schrecklich konzentriert fahren musste, dass ich beim Wiedereinbiegen auf die Maehspur immer blinken wollte… Einen Blinker habe ich aber da natuerlich nicht. Und auch nur einen schwierigen Rueckspiegel. Den haette ich lieber etwas besser gehabt, denn zu den systemimmanenten Herausforderungen kam dann noch der Nachbarshund, der es sehr witzig fand, neben, vor und hinter Traktor und Maehwerk herumzulaufen, vor mir oft so, dass ich ihn gar nicht mehr sehen konnte. Nix fuer meine schwachen Nerven. Und das ist der Hund, den wir neben dem Auto herlaufen hatten etwa anderthalb Kilometer weit mit knapp 40kmh, d.h. muede machen konnte ich den nicht. Aber als ich Dienstag abend nach Hause fuhr, lebte er noch. Ich war naemlich schlau und habe mir fuer meinen zweiten und dritten Arbeitseinsatz ein Halsband und eine lange Kette mitgenommen und den – sehr netten – Hund im Schatten an einen Baum gebunden. Er hat was von meinem „Pausenbrot“ abbekommen und schien gar nicht so ungluecklich.

Steine habe ich beim ersten Maeheinsatz so einige gefunden, gluecklicherweise sind mir Hirschkaelber erspart geblieben. Und ich hoffe, dass das so bleibt. Stattdessen habe ich bestimmt Millionen Heuschrecken zu Invaliden gemacht, diverse Maeuse getoetet und damit viele Raben und kleine Falken froehlich und satt gemacht. Auch eine Schneeeule und ein Kojote haben meine Maehspur begleitet. Die Heuschrecken sind heutechnisch meine direkten Konkurrenten, die fallen inzwischen in grossen Mengen ueber die Wiesen her, und es wird allerhoechste Zeit, dass das Gras zu Heu wird. Andererseits – Sommer in Alberta ist jetzt in meinem Kopf bestimmt fest verbunden mit dem unverwechselbaren Klicken der Heuschreckenfluegel, wenn sie durch die Gegend fliegen. Und wenn man sie mal unvoreingenommen anschaut, sind sie eigentlich schoen. Es gibt dunkelrote Hinterbeine, gelbe Fluegelunterseiten, irgendwo ist noch was knallrotes, und sie haben interessante Gesichter. Ueberhaupt fand ich also den Heueinsatz, insgesamt bis jetzt gut 20 Stunden, sehr nett. Es hat was, so frueh am Morgen ueber dem dunstigen Tal zu stehen, die Luft ist frisch, die Moskitos sind zwar schon da, aber auf dem Traktor erwischen sie einen nicht. Am dritten Tag hatte ich dann auch endlich Ohrstoepsel, so dass die betraechtliche Geraeuschkulisse etwas gedaempft war.

Tja, und jetzt hat es auf mein wunderbares Heu geregnet. Letzte Nacht gab es rundum fette Gewitter, wir selbst hatten hier nur etwa einen viertel Inch, aber Marv berichtete heute morgen, dass suedlich von ihm noch der Hagel auf den Feldern liege. So werde ich dann heute nicht in die Geheimnisse des Wellenschlagens eingeweiht. Vielleicht morgen. Und dann auch die Rundballenpresse. Die finde ich ein bisschen unheimlich, denn die laeuft hinter dem anderen Traktor, siehe unten. Heute aber Heu-Pause. Macht insofern nix, als der Chef unterwegs ist, Honig zu ernten. Am Dienstag naemlich, als ich nach acht Stunden Maehen heimkam, ging es gleich weiter mit der Honigschleuder. Es wurde eine Nachtschicht, und im direkten Vergleich muss ich sagen: Treckerfaaahn ist schoener. Klebt nicht so. Aber knapp 400 kg Honig sind im Tank, und heute kommen sicher noch mal 250 kg oder so. Ist dringend noetig, denn wir haben Auftraege fuer mindestens eine Tonne!

Gestern abend, als sich schon die Gewitterwolken auftuermten und fuer einen dramatischen Sonnenuntergang sorgten, durfte ich dann den anderen Traktor ausprobieren, der vom Feld nach Hause geholt werden musste. Marvs Frau ist – „She picked the right time…“ – fuer eine Woche weg, und so fehlt immer irgendwo ein Fahrer. Der andere Traktor ist ein alter International, erinnerte mich irgendwie an ganz fruehere Zeiten. Und ist graesslich. Aber jetzt hat er die Zaehne im Getriebe frisch geputzt, dafuer hab ich gesorgt. Hat ihm nicht gefallen, hat arg geknirscht, aber wat willste machen? Schalten ist ja bekanntlich kein Geheimnis… Da besteht der Sitz z.B. nur noch aus den Metallfedern, voellig ohne so eine ueberfluessige Polsterung. Kann auch nicht so heiss werden, sagt Marv. Wohl wahr! Und die Lenkung hat eher so zwei Umdrehungen Spiel. Dafuer aber einen schicken Kurbelknopf, den man auch dringend braucht. Auch hier war wieder ein Spanngummi im Einsatz, es hielt den Bolzen fuer die Anhaengerkupplung vor Ort – „Ach, das faellt nicht ab, hat es ja bis jetzt auch nicht getan…“ Die Tuer ging in Rechtskurven auf, in Linkskurven zu, alles automatisch… Aber bei Marv auf dem Hof, da stand dann der dicke John Deere, mit acht Raedern. Ich muss wohl irgendwas in meinem Blick gehabt haben, jedenfalls fragte er: Willste den mal gern fahren? – Klar, das wuerde mir Spass machen! Vielleicht kann ich das mal noch tun. Ins Fuehrerhaus bin ich jedenfalls schon geklettert. Das hat eine richtige Tuer, sogar mit Schloss! Und Klimaanlage, Radio, Licht, Geblaese, alles – und lt. Marv funktioniert sogar ALLES. Das reinste Wunder. Da kaeme dann hinten so ein Monster-Scheibenpflug dran oder so was. Ich glaube, ich stell schon mal einen Antrag, dass ich da mal mit spielen darf.

Nebenher kann ich noch berichten, dass ich fuer eine Woche eine sehr nette Hilfe hatte, die aber leider schon wieder weg ist. Und jede Woche Markt, der gerade intrigen-geschuettelt ist. Das ist etwas ganz neues fuer mich, und als Marktleiterin stehe ich natuerlich an vorderster Front und direkt in der Schusslinie. Weswegen ich nun auch schon auf Facebook mit haesslichen Namen bedacht wurde. Interessant. Aber Maryjane sagt: That, too, shall pass. Geht alles vorueber.

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