Thema Nr. 1 – das Wetter


Auch wenn es keine oder wenig Fotos dazu gibt – ein paar Worte zum Wetter. Als wir ankamen, war es ja „nur“ so -15 bis -20°C, glaube ich. Vor allem der kleine Hund fand das schon ziemlich eklig, wie bereits mitgeteilt. Gereon wollen wir dazu mal nicht zitieren, der ist ja eher hartgesotten. Ich fand’s gut auszuhalten. In den nächsten Tagen wurden wir ja dann leider beide krank, so dass Gereon von der nächsten Kaltwetterperiode praktisch gar nichts und ich nur ein bisschen mitbekommen habe. Das Weltcup Rodelrennen auf der Natureisbahn, das zum ersten Mal hier in der Nähe stattfand, hatte sich ausgerechnet die beiden kältesten Tage des Winters ausgesucht, mit -34°C oder so ähnlich. Da bekam ich schon einen kleinen Eindruck, wie es ist, wenn man nicht gern die ungewärmte Luft einatmen mag. Aber weil ich mich hier von vornherein auf große Kälte eingestellt hatte, habe ich kaum wirklich gefroren. Nur die Wimpern sind immer voller Eis, man will blinzeln, damit die Augen nicht kalt werden, und bei manchen Sportlern sah man schneeweiße Stellen im Gesicht – Anzeichen für Hauterfrierungen, wie ich inzwischen weiß. Wenn man aus dem Oberbergischen kommt, hat man ja nicht wirklich eine Idee davon, was Kälte ist und was sie so mit einem machen kann.
Es wurde dann wieder „wärmer“. Das heißt für diese Gegend, es hielt sich meist deutlich unter 0°C, ging jedoch mittags schon mal über null – dann kam es einem gleich wie Frühling vor. Geschneit hat es bisher nur wenig, als wir kamen, lagen so etwa 10-15 cm Schnee, und inzwischen sind es vielleicht so 30 cm. Wenn ich die Erzählungen hier richtig interpretierte, wäre es prima, wenn wir noch gut viermal soviel bekämen – dann gäbe es anständig Schmelzwasser im Frühjahr, und der trockene Boden hätte was zu trinken. In den letzten Jahren herrschte große Trockenheit, und mir klingt es so, als ob der Hauptanteil der Niederschläge im Winter fällt. Da sind 30 cm natürlich nix.
Die Lufttrockenheit ist immens, hier läuft häufig einer oder mehrere Luftbefeuchter, und wir haben inzwischen immer einen Topf mit Wasser auf dem Holzofen stehen. Dennoch schmiere ich mir alles mögliche ins Gesicht, und es ist im Rubbeldikatz weggesogen. Ich glaube, faltenfreier werde ich hier im Leben nicht.
Bei all der relativen Kälte scheint meistens die Sonne. Die Tage sind natürlich jetzt schon deutlich länger, sicherlich gar nicht soviel anders als in NRW. Häufig flirren Eiskristalle in der Luft, und wenn man zum Fenster rausguckt, hat man große Lust, ein bisschen draußen rumzulaufen. Aber die Tücke scheint mir: Je schöner es aussieht, desto kälter ist es.
Nun hat am Sonntag, dem 25.1., die erste größere Kälteperiode dieses Winters eingesetzt. Mindestens -40° in unserer Gegend, eher mehr bei uns vorm Haus. Eine ebenfalls ursprünglich deutsche Nachbarin (ca. 30 km weit weg!) erzählte mir heute morgen, bei ihr sei es knapp an -50°C gewesen, sie habe sich dann doch mal einen Schal vors Gesicht gewickelt! Die Nachrichten sind voll davon. Überall bleiben Autos liegen, Brände entstehen häufiger, weil die Leute alle verfügbaren Heizgeräte einstöpseln, außerdem ihre Autos in der Garage permanent an den so genannten Block Heater, die Heizung für Öl und/oder Kühlwasser, angeschlossen haben. Defekte Kabel führen dann schnell zu Kurzschlüssen und zu den entsprechenden Bränden. Diese können nur schwer gelöscht werden, weil das Löschwasser praktisch gefriert, wenn es aus der Düse kommt. Gestern abend in den Nachrichten: Die Löschmänner wechseln sich ca. alle 15 Minuten ab, länger kann man in dieser Kälte diesen Job nicht tun. Diejenigen, denen da gestern abend die Wohnungen über dem Kopf verbrannt sind, haben es natürlich auch nicht leicht, eine warme Unterkunft zu finden. Die Obdachlosen in den großen Städten sind eine große Sorge für diejenigen, die sich kümmern.
Die Schulen sind ab -40°C geschlossen, der Straßenverkehr ist minimal, in der Stadt ist (angeblich, wir fahren ja nicht) nichts los. Gereon und ich wollten eigentlich Montag in die Stadt fahren, weil wir leergegessen waren, aber wir haben uns dagegen entschieden, in erster Linie, weil es mir zu unheimlich war. Drei Stunden wartete man z.B. auf den hiesigen „ADAC“, wenn man liegenblieb. Das kann dann wirklich sehr unangenehm werden. Auch in unserem Auto gibt es natürlich eine Notfall-Tüte mit warmen Klamotten, der Bauer hat ein Telefonbuch drin liegen, und ich denke das macht Sinn, falls man liegenbleibt und ein Handy bei sich hat. Weil wir nun aber wirklich keine Milch und kein Brot mehr hatten, haben wir uns entschlossen, die wenigen (vielleicht 20?) km in das nächste Dorf zum General Store zu fahren. Das war eine wunderschöne Fahrt, durch die verschneite, völlig ruhige Landschaft. Nur die Bisons zogen über die Riesenwiesen, ich glaube, wir sind 3 Autos begegnet, überall nur Glitzer, Flitzer, Sonne, helle Stoppeln auf weißem Grund vor blauem Himmel. Die Kühe stehen dann eher nahe bei der Farm, wo es beheizte Tränken gibt und Heu gefüttert wird. Nun haben wir für den Rest der Woche genug zu essen und zu trinken im Haus und haben die Farm nicht verlassen. Das heißt, im Moment gibt es in unserer Umgebung mehr Elche als Menschen, wir haben seit Sonntag keinen Menschen mehr gesehen (heute ist Mittwoch).
Gereon ist am ersten kalten Tag etwas leichtsinnig ohne Gesichtsschutz rausgegangen, er kannte das ja noch nicht. Er war etwa 10 Minuten draußen und kam mit einer schneeweißen Nasenspitze wieder rein, die nach seiner Auskunft richtig hart gefroren war – er hat sich nicht getraut, feste zu quetschen. Sie taute dann auf und wurde erst wieder normal und jetzt ist sie immer noch ein bisschen röter als normal, aber ich habe die Hoffnung, dass sie nicht abfällt! Nein, ganz so schlimm war es wohl auch nicht, aber er wickelt sich jetzt konsequent immer was vor das Gesicht, wenn er rausgeht. Der Bauer hat ihm geschildert, dass er schon diverse Erfrierungen im Gesicht und auch an den Fingerspitzen hatte. Vorgestern in den Nachrichten wurde erzählt, dass bei Windchill-Temperaturen von -40°C und drunter exponierte Haut innerhalb von 5 Minuten erfriert! Windchill ist das, was man fühlt, wenn zur Kälte auch noch Wind kommt. Das braucht nicht viel zu sein, Wind von 5-10 km macht schon eine Menge aus.
Ich bin gestern und heute zum Briefkasten gewandert, das sind die reinsten Expeditionen, und am Anfang kam ich mir lächerlich vor, als ich mich für einen kleinen Gang von vielleicht 1500 m eingepackt habe in wollene Unterwäsche, lang, Hose, Wollpullover, Wollstrickjacke, zwei paar dicke Socken, Thermostiefel für -40°C, Mütze, Schal, Thermooverall mit Kapuze, Wollhandschuhe mit Thinsulate-Futter. Nach 10 Schritten habe ich mir die Mütze tiefer ins Gesicht gezogen, damit zwischen Schal und Mütze nur ein Schlitz freiblieb. Die Sonnenbrille hab ich in die Tasche gestopft, die beschlug und fror sofort von der Atemluft, die aus meinem Schal hochkam. Nach ca. 100 m habe ich überlegt, ob ich lieber wieder zurückkehre, weil meine Finger eiskalt wurden. Ich habe sie dann bis runter zum Briefkasten heftig bewegt und es geschafft, eine Hand in den Overallärmel zu ziehen, das ging dann besser. Die zweite habe ich natürlich nicht reingeschafft. Am Briefkasten habe ich meine Post abgelegt und mir dann die leere Stofftüte noch um den freien Handschuh gewickelt – als zusätzlichen Windschutz, obwohl eigentlich glaube ich gar kein Wind war. Als ich den Rückweg so halb geschafft hatte, bin ich mal einen Moment stehengeblieben, weil meine Begleiter, die beiden Hunde, die dieses Wetter hervorragend meistern, so intensiv in eine Richtung schauten. Ich habe dann die Kojoten so laut (und damit wohl auch so nah) wie noch nie heulen gehört und – ich gestehe – einen kleinen Schritt zugelegt. Da waren dann auch meine Hände warm und der Rest schon eher verschwitzt. Soviel zum kleinen Gang zum Briefkasten. Erwähnen muss ich nicht, dass all die Atemluft und die Feuchtigkeit, die der Körper abgibt, speziell um den Kopf herum zu Eis und Schneekristallen gefriert und man lustig aussieht. Der Thermooverall fängt nach 5 Minuten an zu knistern wie Alufolie. Die Stiefel scheppern irgendwie – schade eigentlich, dass man aufgrund der Ausstattung gar nichts mehr von der himmlischen Stille hört, die hier herrscht! Heute dann 10 Grad wärmer, also so -32°C oder so. Das kommt einem gleich viel angenehmer vor, und mein Gang zum Briefkasten war halb so wild.
Nun hab ich ja immer gedacht, wir wollen uns mal nicht so anstellen, am Nordpol ist es bestimmt noch viel kälter und auch in Nunavut, dem von den Nordwestterritorien abgetrennten Teil, in dem überwiegend Inuit leben. Aber mein Gatte hat mich eines besseren belehrt: Die haben da oben praktisch Seeklima und wir so richtig echtes Kontinentalklima. Der Yukon ist wohl berüchtigt für seine extremen Temperaturen von bis zum -50 oder 60, aber wir sind gar nicht so weit davon weg hier. Na, nun weiß ich das auch.
Ich habe beschlossen, man sollte immer für mindestens eine Woche Vorräte im Haus haben, genug Sprit in allen Tanks und dafür sorgen, dass das Brandholz nicht ausgeht. Dann muss man jedenfalls nicht erfrieren und verhungern. Und darüber hinaus ist der Winter hier wirklich wunderschön! Auch jetzt wieder schaue ich auf zwei große Buntspechte, die vorm Fenster an den Speckschwarten hämmern, dass das Haus dröhnt, und Gereon ist wieder mit der Kamera auf Elchjagd. Ich werde als nächstes mal in den Häuschen ums Haus nach Schneeschuhen suchen – das wär noch was, anstatt zu joggen.
Ach ja, und Fotos von der Kälte gibt’s deswegen nicht, weil auch die Akkus von der Kamera in die Knie gegangen sind. Die einzigen „Näherungsfotos“, die ich habe, rühren von unserem Sonntagsspaziergang, und ich hab das von Gereon auch noch verwackelt! Da war’s aber nur etwa -20°, das gildet nicht wirklich. Aber es gibt einen kleinen Eindruck.