Unsere Gastgeber

Wir haben ja oft genug erzählt, dass wir bei Rolf und Judy auf dem Hof wohnen. Hier ein paar Informationen über unsere Gastgeber und ihr – finde ich – bewundernswertes Projekt. Rolf lebt seit 1966 in Kanada und hat hier schon nach kurzer Zeit seine Frau Judy, eine studierte Apothekerin kennengelernt. Die beiden haben sich dann hier diese Farm gekauft – gar nicht so einfach, weil sie bereits für damalige Verhältnisse nicht groß war und die Banken keinen Kredit geben wollten. Heute ist sie eher zwergig klein mit ihren 7 Quarter Sections eigenem und 7 Quarter Sections gepachtetem Land. Dazu sollte man wissen: 1 Quarter Section sind etwa 64 Hektar! Am Anfang haben sie nur Ackerbau betrieben, bzw. Heu gemacht und verkauft, und Anfang der 70er haben sie die ersten Kühe gekauft. Bis dahin sind sie im Winter immer weiter nach Norden zum Arbeiten gegangen, Judy immer als Pharmacist, Rolf auf Ölbohrtürmen, als LKW-Fahrer und – da bin ich ziemlich sicher – als Mädchen für alles. Mich fasziniert immer wieder, was er alles weiß, von Motoren und Mechanik, vom Wetter und von der Politik, und das meist davon zweisprachig. Dabei ist er stark liberal bis anarchistisch und stur, eine spannende Mischung. Ach ja, und noch ungeheuer ruhig und tolerant. Dagegen ist Judy die aufbrausende, ich habe hier schon erlebt, wie sie bei einer Dame vom Sozialamt ganz energisch den Hörer auf’s Telefon gekracht hat. Bei meinem schwierigen Gesprächen mit meiner Computerfirma hat sie mir die bösen Dinge souffliert, sehr gut! Judy ist eine eher gelassene Hausfrau, doch wird nichts vergeudet. Deswegen ist eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen das Zerschnipseln von alten Kleidungsstücken zu allseits brauchbaren Haushaltsläppchen. Nini hat Judy gleich für sich adoptiert, und die beiden haben oft zusammen auf dem Sofa gesessen.
Auch mit Rolf hat Nini gern auf dem Sofa gesessen, das hat sich aber nicht so oft ergeben, weil der meist den ganzen Tag draußen rumpusselt.
Rolfs große Leidenschaft ist das Segeln, und die beiden haben schon seit Jahren ein kleines Segelboot, dass sie auf einem Anhänger über die Rockies ziehen und dann bei Vancouver oder Vancouver Island ins Wasser lassen, um sich die frische Meeresluft um die Nase wehen zu lassen. Rolfs großer Traum war es wohl schon länger, einmal für ein oder auch zwei Jahre auf „große Fahrt“ zu gehen, nach Mexiko, zwischen der Baja Peninsula und dem Festland, und nun sind die beiden knapp über 60 und haben beschlossen, dass sie das jetzt machen oder nie mehr. Tja, und deswegen sagte Judy neulich zu mir: „Ist es nicht komisch, ich packe jetzt hier alles zusammen, weil mein Mann segeln gehen will, und du bist hier, weil dein Mann gern nach Kanada wollte. Und nun sitzen wir hier.“
Am 25. Januar, nach vielen unerwarteten Problem, war es dann endlich so weit: Das Boot war reisefertig, und Judy auch. Bauer Rolf war total kribbelig, es gab „Huggies“ für alle, und dann brausten sie los, der Bauer natürlich mit runtergekurbelter Scheibe und lautem „Yippieeh!“, hinter sich eine Wolke von Pulverschnee lassend. Inzwischen haben sie schon zweimal angerufen, vom eigens erworbenen Satellitentelefon: In Mexiko hat’s 16 Grad plus, und heute morgen waren sie auf See.