Archiv für den Monat Dezember 2011

Sie sind rot!

Die Weihnachtlaempchen sind rot! Hatte ich noch nie, aber kamen mit der „Dienstwohnung“. Und weil der Cowboy Jim mir jetzt Strom ins Haeuschen gelegt hat (ein Kabel, mit zwei Verlaengerungskabeln, hoechst zweifelhaft aus der Sicht des Elektrikers, aber ich hab ja nur zwei Gluehbirnen und zwei  Netzteile), konnte ich es mir heute nicht verkneifen, die Weihnachtsbeleuchtung einmal anzuschliessen. Ich bin ganz angetan – kitsch as kitsch can, ist ja mal was anderes fuer mich. Und deswegen kriegt ihr das jetzt auch zu sehen, selbst wenn der Gesamteindruck ein bisschen duester ist. Innendrin ist alles hell!

Der geschaetzten Leserschaft wuensche ich auch alles Helle, schoene Weihnachten und ein gutes neues Jahr! Stay tuned, Cowboy Jim hat gesagt, er bringt mir diese Tage was Neues bei: Heuballen laden mit dem Grapple. Nu weiss ich wieder nicht, wie das Ding auf deutsch heisst, ist jedenfalls so eine Zangenschaufel…, wisst ihr ja bestimmt, was ich meine… damit kann der Cowboy Jim auch zwei Ballen auf einmal packen, das wird spannend! Und das mache ich sicher besser auf „Schildkroete“. Aber ansonsten sollte vielleicht das Motto fuer das Neue Jahr sein: Alles auf Hase!

Alles auf Hase!

So langsam schiesse ich mich ein mit „meinem“ John Deere, den ihr unten in seinem Nachtquartier seht. Das ist das, was man hier Shop, also Werkstatt nennt. Bauer Jim, der glaube ich selten kleckert, hat natuerlich einen ziemlich grossen Shop, und dann hat er nochmal eine Geraethallein etwa derselben Groesse. Alles voll verkabelt. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nicht so eine Steckdosendichte gesehen. Den Shop finde ich schon klasse. Empore fuer ich weiss nicht was. Abschliessbares Nebenraeumchen oder so. Allerhand Maschinen, ein Quad, ein Skidoo, jede Menge Werkzeug, Tiefkuehltruehe, Waffensafe – alles gibt es da. Auch die Solar Panels, die eigentlich zu „meinem“ Haeuschen gehoeren, habe ich dort entdeckt, und die scheinen sogar auf einem Tracker montiert zu seine, also einer Vorrichtung, die sie immer voll in die Sonne dreht. Oh, das haette ich sooo gern installiert. Wenn ich also die Huehner und die Ziegen versorgt habe, dann fahre ich das Rolltor hoch, schmeisse den Traktor an, lasse ihn ein bisschen warmlaufen (muss man hier, ist schliesslich Alberta), und dann legen Dundee und ich los. Neulich war es morgens so schoen, dass ich mich extra beeilt habe, um frueh rauszukommen – es gab noch ein bisschen Sonnenaufgangsstimmung. Auf dem Weg zu den See-Kuehen (es gibt auch noch die Barn-Kuehe und die Ost-Kuehe, jedenfalls in meinem Kopf, zur besseren Sortierung) fahren wir an einem Teil der Getreidespeicher vorbei. Es gibt noch mehr, direkt auf dem Hof. Nur damit ihr mal seht, dass das hier kein ganz kleiner Betrieb ist, denn ich „beaufsichtige“. Mit dem LKW transportiert der Bauer das Getreide vom Feld in die Speicher. Der LKW hat ein Fuehrerhaus mit Schlafkabine, Marke „Pro-Sleeper“. Wann er da schlaeft, der Bauer, weiss ich allerdings nicht. Dundee kennt natuerlich das Prozedere und rennt gern hundert Meter vorauf. Man sieht ihn klein auf dem Sonnenaufgangsbild, auf dem auch der See als ganz kleiner weisser Streifen zu sehen ist. Als ich an dem Tag so durch den Wald in den Sonnenaufgang und auf das freie Feld tuckerte, da dachte ich wirklich so bei mir: Einen Traktor, einen Hund, eine Aufgabe und einen Sonnenaufgang – was braucht die Frau mehr? Natuerlich aenderte sich das dann unmittelbar, als ich an eine ueberlaufende Traenke kam. Laestig und unromantisch – schlimmstenfalls waere der Dugout leergelaufen, weil die Kuehe irgendwie den Schwimmer verheddert hatten, so dass das Ventil nicht mehr schloss. Aber selbst ist die Frau, und ein Hirn hat sie auch, und so fiel mir die Loesung des Problems ein und ich reparierte die Traenke ohne Bauernhilfe. Sehr gut, Emma! Auf dem Rueckweg fuehrte mir Dundee noch mit Hilfe eines Kojoten vor, wie schnell er wirklich laufen kann – beeindruckend. Fand auch der Kojote und verschwand flinkoflugso im Wald. Der war deutlich groesser als Dundee, aber Dienst ist Dienst, und Kojoten muessen weg, also verfolgte der kleine Hund den dicken Kojoten mit vollem Einsatz. Ich sah den Kojoten am anderen Ende aus dem Wald kommen, und da fand auch Dundee, dass es genug sei und kam zurueck zum Traktor.

Zweimal schon habe ich auf meinen Touren einen Weisskopfseeadler gesehen. Beim ersten Mal sass er direkt bei der Scheune im Baum und guckte mir bestimmt eine Stunde lang zu. Und heute morgen war er bei den See-Kuehen im Baum. Adler mag ich. Und Raben. Und Kojoten. Und ueberhaupt.

Ach ja, und wenn ich so vor mich hin fahre, dann stehen die Knoepfe und die Geschwindigkeit auf Hase, jawoll. Schliesslich muss es ja vorangehen. Igel ist, wenn ich Ballen wie Golfbaelle in die Raufen platziere, da will man nicht zu hastig sein. Hole in one, sag ich nur. Ich bin ein kleines bisschen stolz auf meine neuen Faehigkeiten, falls ihr das noch nicht bemerkt habt. Und meine Freundin MJ erklaert mir, dass die wahrscheinlich gesucht sind – immer gebe es Bauern, die jemanden zum Kuehefuettern oder Heumachen suchen. Vielleicht tun sich da ganz neue berufliche Perspektiven auf, who knows?

Und waehrend ich so tuckere und meinen Spass habe, fuehren meine grossen Hunde im kleinen Haeuschen ein Hundeleben…

Aktueller Nachtrag zum Adler: Auf meine Frage an Gereon, was der denn so frisst, der Adler, meinte G: Lag nicht vielleicht eine tote Kuh irgendwo? – Hatte ich aber keine gesehen. Als ich den Adler zum dritten Mal antraf, da entdeckte ich dann auch die Raben – und fand die tote Kuh. Von der waren allerdings nur noch Knochen uebrig. Also zu spaet, um mich noch aufzuregen. Soviel zur Adlerromantik…

Und auch Nachtrag zum Igel: Der Igel ist angeblich, wenn ich denn eine Brille truege, eine Schildkroete. Habe ich aber immer noch nicht mit Brille ueberprueft. Den achten Gang rein – und los geht’s!

Und noch mehr Nachtrag: Inzwischen kann ich auch Ballen abwickeln, na ja, jedenfalls meistens. Das ist ein bisschen uebungsbeduerftig, manchmal widersetzen sie sich dem Vorderrad des Traktors, mit dem die Rollerei theoretisch erledigt wird. Aber seit ich auch die See-Kuehe fuettere, hat sich das ganze sowieso noch netter entwickelt, und ich nenne es jetzt nicht mehr Heu-Golf, sondern Bullen-Schubsen! Mit Heuballen. Es gibt am See vier dicke Hereford- und einen kleinen Angus-Bullen, der aber laut Cowboy Jim ein „Shit Disturber“ ist. Die Kleinen…

Emma rides again!

Emma reitet wieder!

Naemlich einen Traktor. Hier reitet man so etwas ja auch, wie auch ein Fahrrad…

Es hat sich so einiges hier getan seit dem letzten Bericht. Ich bin Teilzeitherrin ueber so etwa 150 Kuehe, die ich aber glaube ich noch nicht alle gesehen habe. Mein Job ist es, diese Kuehe in Abwesenheit des Bauern, Nachbar Jim, zu fuettern, die Traenken zu kontrollieren, die Huehner zu versorgen und den Hund. Ausserdem Alarm zu schlagen, wenn es im Haus ploetzlich kalt sein oder aehnliche Unannehmlichkeiten eintreten sollten. Im Gegenzug dafuer habe ich einen Dienststall, einen Diensthund, theoretisch einen Diensttruck und eine Dienstwohnung! Im Dienststall, hier Barn genannt, habe ich die Ziegendamen untergebracht. Raus aus dem Wetter. Einfach zu versorgen. Dafuer haetten sie mir dankbar sein sollen. Sind sie aber nicht. Sie finden es immer noch so gar nicht schoen in der Luxus-Unterkunft. Und ich ueberlege tatsaechlich, ob ich sie, wenn erstmal der Maennerueberschuss in der Truhe ist, nicht wieder gen Norden umziehen soll. Zu meinen vier Damen sind sechs Heimkehrer gekommen: Irinel hat mir ihre Hoernermaedels bis irgendwann im naechsten Fruehling uebergeben, weil die Familie umzieht und derzeit wenig Zeit und Platz fuer die ganze Bande hat.

Der Diensthund ist Dundee, ein Red Heeler (nehme ich mal an). Dundee ist sehr diensteifrig, wie sich das gehoert. Anfangs war mein Job noch sehr theoretisch, und Dundee hat mir immer nur im Corral nebenan, ohne meinen Einfluss oder mein Kommando, vorgefuehrt, was er so alles kann. Kuehe auf einen Klumpen treiben. Kuehe durch ein Tor wandern lassen, in Ecke, in eine andere Ecke, zurueck durch das Tor. Das geht mit einem ganzen Trupp, aber auch zum Beispiel mit dem durchaus beeindruckenden nachtschwarzen Bullen als Solonummer bzw. Pas de Deux. Vor Dundee hat man bittesehr Respekt. Haben die Kuehe, hat die Katze, nur die Ziegen, die haben’s noch nicht akzeptiert… Leider weiss ich nicht, mit genau welchen Kommandos Jim seinen Hund steuert, also arbeitet Dundee ein wenig unabhaengig. Aber heute habe ich zum ersten Mal allein gefuettert, und da fand ich ihn schon klasse. Zum Beispiel habe ich das Tor geoeffnet, und Dundee hat dann klar gemacht, dass man als Kuh da bitte nicht durchgeht. Und dass man gefaelligst auch mir als Fussgaengerin Platz macht. Das hat mir ziemlich gut gefallen. Insgesamt habe ich heute 12 Rundballen durch die Gegend kutschiert. Manche im Zweierpack, manche einzeln. Und 1A in die Rundraufen abgeladen. Jawoll. Zwei sogar in so eine grosse Rechteckeraufe, gleichzeitig und zielgenau. Ich fand mich zieeemlich klasse. Dundee hat mich bei jeder Tour begleitet, wobei er auch immer noch Zeit fuer ein eigenes Projekt findet und hin und wieder im Wald verschwindet oder einen geringfuegig anderen Weg geht, weil es anscheinend wichtige Dinge zu erledigen gibt. Und dann sind wir noch quer ueber die Wiesen, durch den Wald und ueber eine Heuwiese bis fast an den See getuckert, um nach der Traenke bei der dritten Gruppe Kuehe zu schauen. So ein richtiges kleines Treckertourchen (es gibt kein oe-ue, oder?). Als wir aus dem Wald auf das grosse Heufeld kamen, stand da eine Gruppe von zwoelf Hirschen (das waren mal dreizehn, das weiss ich, denn der Herr Chef hat einen rausgeschossen, der ist jetzt in unserer Truhe). Dundee nahm Mass und beschloss, dass die zusammengetrieben und irgendwohin gehoerten. Und ab ging die Post, im weiten Bogen, so dachte er sich anscheinend, um die Hirsche rum und dann Richtung Traktor oder Corrals oder was weiss ich wohin mit ihnen. Hirsche lassen sich aber nicht gut hueten, das haben wir dann beide schnell verstanden. Sind einfach zu flott, die Dingerchen. Wissen nicht, was sich gehoert, wenn Dundee angeflogen kommt.

Theoretisch mache ich diese Tour zur dritten Abladestelle mit dem Diensttruck, aber der im Moment mit dem Bauern unterwegs, weil er mit dem anderen einen Hirsch gerammt hat und jetzt ohne linkes Licht ist. Der Dienststruck ist dann jetzt endlich mal ein Dodge, so ein richtiges Cowboyauto. Der zugehoerige Spruch, gern als Aufkleber auf solchen Dodges, die in der dicken Truck-Version Ram heissen, ist: What I can’t dodge, I ram.

Und der Traktor ist natuerlich ein John Deere. Ich habe mal gezaehlt: hier auf dem Hof bin ich auf fuenf oder sechs gekommen, davon zwei solche Monsterteile mit acht Raedern. Und alle fahrtuechtig. Der, mit dem ich im Moment fahre, ist praktisch garagengepflegt oder wie das immer so schoen heisst. Zwar nicht neu, aber bestens in Schuss. Mit funktionierender Tuer, Heizung, Hydraulik, Licht, komplett gepolstertem Sitz (!!) und ueberhaupt. Sogar einen Rueckspiel gibt’s. Und die meisten Knoepfchen bzw. Drehregler haben eine Hase- und eine Igelstellung eingeteilt! Das gilt nicht nur fuer die Geschwindigkeit, sondern auch – zu meinem grossen Erstaunen – fuer die Scheibenwischer und das Geblaese (beides uebrigens funktioniert!!) Das ist schon ein bisschen anders als meine Sommergefaehrte – aber Spass macht beides. Wer weiss, vielleicht ist Treckerfahren meine Berufung. Macht schoen locker in der Huefte…

Na, und dann bietet sich mir jetzt die Moeglichkeit, die viele Albertaner nutzen: Ich kann fuer den Winter in den Sueden gehen. In meinem Fall zwar nur vier Kilometer und nicht viertausend oder so. Aber Sueden nichtsdestotrotz. Die Frau des Bauern hat ein kleines Haeuschen mit in die Ehe gebracht, das ungenutzt rumstand und mich schon lange rief. Durch unseren Deal habe ich nun eine sehr nette Rueckzugsmoeglichkeit. Es gibt zwei funktionierende Tueren, gute Fenster, einen Pioneer Maid Kuechenherd, der gleichzeitig auch ausgezeichnet heizt, einen pflegeleichten Laminatfussboden, eine Einbaukueche, Einbaukleiderschraenke, eine vorinstallierte Solaranlage, leider im Moment mit demolierten Batterien und ohne Panels, einen Wassertank (!), den ich aber nicht nutze. Ich sag’s euch, luxurioese Sachen!

So, und jetzt froene ich meiner neuen Feierabendsucht und spiele noch ein bisschen Solitaire…