Alles auf Hase!

So langsam schiesse ich mich ein mit „meinem“ John Deere, den ihr unten in seinem Nachtquartier seht. Das ist das, was man hier Shop, also Werkstatt nennt. Bauer Jim, der glaube ich selten kleckert, hat natuerlich einen ziemlich grossen Shop, und dann hat er nochmal eine Geraethallein etwa derselben Groesse. Alles voll verkabelt. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nicht so eine Steckdosendichte gesehen. Den Shop finde ich schon klasse. Empore fuer ich weiss nicht was. Abschliessbares Nebenraeumchen oder so. Allerhand Maschinen, ein Quad, ein Skidoo, jede Menge Werkzeug, Tiefkuehltruehe, Waffensafe – alles gibt es da. Auch die Solar Panels, die eigentlich zu „meinem“ Haeuschen gehoeren, habe ich dort entdeckt, und die scheinen sogar auf einem Tracker montiert zu seine, also einer Vorrichtung, die sie immer voll in die Sonne dreht. Oh, das haette ich sooo gern installiert. Wenn ich also die Huehner und die Ziegen versorgt habe, dann fahre ich das Rolltor hoch, schmeisse den Traktor an, lasse ihn ein bisschen warmlaufen (muss man hier, ist schliesslich Alberta), und dann legen Dundee und ich los. Neulich war es morgens so schoen, dass ich mich extra beeilt habe, um frueh rauszukommen – es gab noch ein bisschen Sonnenaufgangsstimmung. Auf dem Weg zu den See-Kuehen (es gibt auch noch die Barn-Kuehe und die Ost-Kuehe, jedenfalls in meinem Kopf, zur besseren Sortierung) fahren wir an einem Teil der Getreidespeicher vorbei. Es gibt noch mehr, direkt auf dem Hof. Nur damit ihr mal seht, dass das hier kein ganz kleiner Betrieb ist, denn ich „beaufsichtige“. Mit dem LKW transportiert der Bauer das Getreide vom Feld in die Speicher. Der LKW hat ein Fuehrerhaus mit Schlafkabine, Marke „Pro-Sleeper“. Wann er da schlaeft, der Bauer, weiss ich allerdings nicht. Dundee kennt natuerlich das Prozedere und rennt gern hundert Meter vorauf. Man sieht ihn klein auf dem Sonnenaufgangsbild, auf dem auch der See als ganz kleiner weisser Streifen zu sehen ist. Als ich an dem Tag so durch den Wald in den Sonnenaufgang und auf das freie Feld tuckerte, da dachte ich wirklich so bei mir: Einen Traktor, einen Hund, eine Aufgabe und einen Sonnenaufgang – was braucht die Frau mehr? Natuerlich aenderte sich das dann unmittelbar, als ich an eine ueberlaufende Traenke kam. Laestig und unromantisch – schlimmstenfalls waere der Dugout leergelaufen, weil die Kuehe irgendwie den Schwimmer verheddert hatten, so dass das Ventil nicht mehr schloss. Aber selbst ist die Frau, und ein Hirn hat sie auch, und so fiel mir die Loesung des Problems ein und ich reparierte die Traenke ohne Bauernhilfe. Sehr gut, Emma! Auf dem Rueckweg fuehrte mir Dundee noch mit Hilfe eines Kojoten vor, wie schnell er wirklich laufen kann – beeindruckend. Fand auch der Kojote und verschwand flinkoflugso im Wald. Der war deutlich groesser als Dundee, aber Dienst ist Dienst, und Kojoten muessen weg, also verfolgte der kleine Hund den dicken Kojoten mit vollem Einsatz. Ich sah den Kojoten am anderen Ende aus dem Wald kommen, und da fand auch Dundee, dass es genug sei und kam zurueck zum Traktor.

Zweimal schon habe ich auf meinen Touren einen Weisskopfseeadler gesehen. Beim ersten Mal sass er direkt bei der Scheune im Baum und guckte mir bestimmt eine Stunde lang zu. Und heute morgen war er bei den See-Kuehen im Baum. Adler mag ich. Und Raben. Und Kojoten. Und ueberhaupt.

Ach ja, und wenn ich so vor mich hin fahre, dann stehen die Knoepfe und die Geschwindigkeit auf Hase, jawoll. Schliesslich muss es ja vorangehen. Igel ist, wenn ich Ballen wie Golfbaelle in die Raufen platziere, da will man nicht zu hastig sein. Hole in one, sag ich nur. Ich bin ein kleines bisschen stolz auf meine neuen Faehigkeiten, falls ihr das noch nicht bemerkt habt. Und meine Freundin MJ erklaert mir, dass die wahrscheinlich gesucht sind – immer gebe es Bauern, die jemanden zum Kuehefuettern oder Heumachen suchen. Vielleicht tun sich da ganz neue berufliche Perspektiven auf, who knows?

Und waehrend ich so tuckere und meinen Spass habe, fuehren meine grossen Hunde im kleinen Haeuschen ein Hundeleben…

Aktueller Nachtrag zum Adler: Auf meine Frage an Gereon, was der denn so frisst, der Adler, meinte G: Lag nicht vielleicht eine tote Kuh irgendwo? – Hatte ich aber keine gesehen. Als ich den Adler zum dritten Mal antraf, da entdeckte ich dann auch die Raben – und fand die tote Kuh. Von der waren allerdings nur noch Knochen uebrig. Also zu spaet, um mich noch aufzuregen. Soviel zur Adlerromantik…

Und auch Nachtrag zum Igel: Der Igel ist angeblich, wenn ich denn eine Brille truege, eine Schildkroete. Habe ich aber immer noch nicht mit Brille ueberprueft. Den achten Gang rein – und los geht’s!

Und noch mehr Nachtrag: Inzwischen kann ich auch Ballen abwickeln, na ja, jedenfalls meistens. Das ist ein bisschen uebungsbeduerftig, manchmal widersetzen sie sich dem Vorderrad des Traktors, mit dem die Rollerei theoretisch erledigt wird. Aber seit ich auch die See-Kuehe fuettere, hat sich das ganze sowieso noch netter entwickelt, und ich nenne es jetzt nicht mehr Heu-Golf, sondern Bullen-Schubsen! Mit Heuballen. Es gibt am See vier dicke Hereford- und einen kleinen Angus-Bullen, der aber laut Cowboy Jim ein „Shit Disturber“ ist. Die Kleinen…