Archiv des Autors: Petra

Rueckblick Teil 4: Aufbaujahre? – 2009-2013

Dieser Teil 4 duempelt schon seit einiger Zeit in meinen Entwuerfen. Ploetzlich wurde das Leben naemlich wieder schneller, ich weiss auch nicht so genau, wie das passieren konnte. Damit ihr aber was zu lesen habt, geht das jetzt raus. Wann es weitergeht, steht in den Sternen. Draussen ist es wie Fruehling, und man/ich will nicht am Computer sitzen, so lange es hell ist.

Mit dem Rueckblick weiter also hier:

Im Haus waren wir also schon mal, so weit – so gut. Oder auch nicht so gut. Denn mit mir ist es so: Gibt man mir ein halbfertiges Haus, will ich gleich einen Palast. Oder so aehnlich.
Schon ab 2009 kann man lesen, dass ich unzufrieden war. Es ging mir nicht schnell genug, nicht gut genug, ich fühlte mich häufig alleingelassen und nicht gehoert mit meinen Forderungen nach Abfluss, Dusche, Solaranlage, Innenausbau, anderem Auto etc.pp. Rückblickend würde nicht nur ich, sondern wahrscheinlich auch der sehr gleichmäßig gelaunte Gereon sagen, dass es meine Quengeljahre waren.
Natuerlich habe ich nicht nur gequengelt, und wenn, dann nicht nur über unsere Nicht-Fortschritte. Ich quengelte auch über das Wetter, über “die Albertaner” (ja, ich weiss, dass Verallgemeinerungen unzulässig sind), die Telefongesellschaft, die Arbeit, den Markt, die Ziegen…
(Ab hier empfehle ich den Interessierten, die Suchfunktion im Blog zu nutzen bzw. monatsweise zu lesen. Ich werde nämlich sonst nie fertig…)

Ab hier auch: Themenschwerpunkte. So was wie Menschen, Tiere, Impressionen. Mit den Tieren fangen wir mal an.

2009 verlor Gereon vorübergehend seine Arbeit, als die globale Wirtschaftskrise auch Alberta erreichte. Ich dagegen fing einen neuen Job in der Tierarztpraxis an, die die Tochter meiner Nachbarin in Valleyview eröffnet hatte. Eine nervenaufreibende Aufgabe insofern, als ich erleben musste, wie anders “die Albertaner” mit Tieren umgehen als zumindest ich mir das wünschen wuerde. Es wurde viel gestorben, ich habe so manches sterbende Hündchen und Kätzchen im Arm gehalten. Das bestaetigte mich in meinem Vorsatz, dass von mir hier niemand ein lebendes Tier bekommt, mit der Ausnahme – vielleicht – von Huehnern.
Doch es gibt auch immer noch laufende Erfolgsgeschichten aus der Tierarztpraxis. Dies ist eine davon:

“Der kleine Hund”, todgeweiht, weil in der Stadt herrenlos aufgegriffen und von niemandem abgeholt, seine Unzufriedenheit lauthals kundtuend und demnach zum Wochenende sehr unerwünschter Gast in der Praxis, kam mit zu uns. Warf sich dem Chef an den Hals. Verliess uns für ein Jahr, weil der Chef keinen weiteren Hund wollte. War dann wieder todgeweiht, weil allzu selbständig und wurde von Helga Schwiegermutter und mir wieder abgeholt. Seitdem “der wichtige Hund”. Ein Goldstueck.

Eine andere Erfolgsstory aus der Tierarztpraxis ist das von uns liebevoll so genannte Kitty-Kotzi. In den Fotos unten hat es sich einmal an den Chef geschleimt, ein anderes mal liegt es in einem Blumentopf. Todgeweiht, weil herrenlos und schwanger aussehend. Schwanger aussehen tut es immer noch, obwohl es kastriert ist, aber herrenlos ist es in keinster Weise, hat es sich doch wahrscheinlich auf immer und ewig an den Herrn Chef gebunden, den es mit Haut und Haaren liebt.

Zurueckkommen konnte der wichtige kleine Hund 2011, weil im März 2010 der andere kleine Hund, Nini Whippet, mit noch nicht einmal 10 Jahren eingeschläfert werden musste. Sie hatte uns nach Kanada begleitet und tapfer allen Widrigkeiten getrotzt. Lungenkrebs war die Diagnose, gegen die sie dann nicht mehr ankam.

Ueberhaupt sind aufgrund der vielen Tiere, die wir hatten und haben, Geburt und Tod immer ganz wichtige Themen. Jedes Jahr wurden viele Zicklein geboren, und jedes Jahr wurden Ziegen geschlachtet. Nachdem ich in Deutschland fast Vegetarierin war, bin ich hier in Alberta zu einem sehr bedachten Alles-Esser-Tum umgestiegen. Und, moeglicherweise etwas provokant, sage ich ich, dass ein ordentlich erlegtes Stueck Wild (damit meine ich: ein Schuss – umfallt!) das in vieler Hinsicht verantwortungsbewussteste Fleisch ist, das man so essen kann, und in mancher Hinsicht und in vielen Faellen deutlich weniger bedenklich als manches Gemuese. Gejagt wurde also auch. Einmal sogar, in Selbstverteidigung, ging es dem Wolf ans Fell, der unseren Geisslein ans Fell wollte. Schade, aber das war wirklich zu und zu nah.

Es gab Hunde, Katzen, Huehner, diese letzteren in stark schwankenden Zahlen, weil jedes Jahr jede Menge Kueken aus jeder Ecke kamen, andererseits aber auch viele Huehner in den Topf wanderten. Nicht ver- oder gejagt wurde Frau Haak (korrekt: Mrs Hawk), das Habichtsweib, das auf einem Foto unten auf einem Huhn sitzt. So ging uns eine Reihe Huehner verloren – aber Frau Haak hatte schliesslich auch eine Familie zu versorgen.

Es gab ein Lama-Baby, das mir immer noch wie „das Kind“ vorkommt, obwohl Hektor inzwischen 9 Jahre alt ist. Kinder, wie die Zeit vergeht. Diese Tiere waren immer mein groesster Spass, sind es heute noch. Zugeben muss ich, dass die Ziegen gleichzeitig auch mein groesstes (Tier-)Problem waren, mit ihrer immensen Neigung zu experimentellen Materialpruefungen, denen fast nichts standhielt. Immer noch hantiere ich mit Zaunelementen und Schuppentueren, die durch die Ziegenhoerner umgeformt wurden. Eine harte Pruefung wahrscheinlich nicht nur fuer meine Ehe.

Und so verliessen 2013 alle Ziegen den Hof. Und ich vergoss wieder Traenen. Grosse Aenderungen kuendigten sich an.

Rueckblick Teil 3: Neuland – 2006-2008

So waren wir also seit September 2006 auf „unserem“ Land. Zwei so genannte Quarter Sections, also zwei Quadrate von jeweils einer halben Meile Seitenlaenge macht etwa 130 Hektar. Wald in alle Richtungen. Und wo kein Wald war, war es nass. So richtig nass. Biberteiche, Suempfe, alles nass. Keinerlei Infrastruktur, also keine Strom- oder Telefonleitung, kein Gasanschluss, selbstverstaendlich kein Wasser (das ist hier auf dem Land sowieso jedermanns eigene Angelegenheit). Ich aber war immer noch naiv, hatte ich doch die Illusion, dass mein Mann im Rubbeldikadetz ein schickes, wenn auch rustikales kleines Haeuschen hinstellen wuerde, mit Holzofen, Strom (irgendwie – was ich da so genau gedacht habe, bleibt mir heute verborgen) und Wasser (siehe oben). Natuerlich alles Quatsch, wie wir heute wissen. Und waehrend meine Illusion sich so langsam im Wald aufloeste, lernte ich weiter. Naemlich, dass man auch mit viel weniger auskommen kann. Dass Winter ernst bis sehr ernst sein kann, aber auch schoen bis wunderschoen. Und dass man ihn auch unter eher einfachen Verhaeltnissen durchaus ueberstehen und dabei noch Spass haben kann. Dass woechentliche oder gar taegliche Duschen voellig, aber sowas von voellig ueberbewertet werden. Dass gute Nachbarn mit Geld nicht zu bezahlen sind, und dass wir welche haben – was fuer ein Segen.

Ich arbeitete ein paar Tage in der Buecherei in Valleyview, und Gereon fand sofort eine neue Arbeitsstelle ebenfalls in Valleyview. Diese Stelle – das sei hier mal erwaehnt – hat er seitdem. Er ist mit Sicherheit der dienstaelteste Mitarbeiter im Betrieb, und seit etwa acht Jahren, als der Kollege in der Werkstatt wegzog und er nun allein fuer alles dort zustaendig war, hat er nie mehr als zwei, hoechstens drei Tage hintereinander frei genommen. Ich finde das einerseits bewundernswert. Andererseits erklaert das, warum es hier sehr, sehr langsam weitergeht. Doch schon ganz am Anfang hoerte ich den Spruch: Canada is next-year country. Inzwischen weiss ich, dass das eher untertrieben ist.

Zwei Jahre lang spielte sich unser Leben in der „Kueche“, einem nicht isolierten Gebaeude ohne Fussboden, und dem „Schlafzimmer“, einem kleinen, isolierten, propan-beheizten Kaemmerchen im Pole Shed, ab. Na, und draussen natuerlich. Im Garten, im Wald. Morgens kurz nach fuenf wankte ich aus dem Kaemmerchen ueber einen Holzsteg in die Kueche und machte Feuer im Ofen, fuer Kaffee und Tee. Auch im Winter. Auch bei minus 30 oder kaelter. Nie wieder habe ich seitdem soooo viele Sternschnuppen und Nordlichter und traumhaft schoene Nachthimmel gesehen. Aber auch nie wieder Traenen vergossen ueber gefrorenem Spuelmittel, gefrorenem Wasser, gefrorenem alles. Strom aus einer Autobatterie reichte gerade mal fuer eine, max. zwei Gluehbirnen und das Ladegeraet fuer’s Handy, unsere grosse Errungenschaft. Maeuse waren immer ein Thema, alles musste sicher untergebracht werden, und manchmal klaute das Wiesel Kekse.

Weil die Ziegen immer mehr wurden, schafften wir einen dritten Hund an, die zweite Emmi, die die Aufgabe des Draussen-Wachhundes uebernahm, weil Zora mit ihrem duennen Fell sich dann doch als ungeeignet erwies (jedenfalls fand sie es drinnen viel schoener, und das kann man ihr nicht veruebeln). Auch die Ziegen zogen zumindest zum Melken und dann auch zum Kinderkriegen in die Kueche um – das war nicht nur fuer die Ziegen, sondern vor allem auch fuer meine Finger wesentlich angenehmer.

In den ersten beiden Wintern gab es viel, richtig viel Schnee. Im ersten Jahr begann es im Oktober richtig zu schneien, und im Mai gab’s immer noch Schnee. Wir denken, dass wir seitdem nie wieder einen so schneereichen Winter hatten. Es gab jede Menge Ziegen in diesem Jahr, und dann auch im Fruehjahr jede Menge Matsche, vor allem IN der Kueche.

2007 kam das schwere Geraet. Zuerst der Bagger, um einen Teich zu buddeln. Es regnete, und ich musste wieder weinen, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese ungeheure Matsche und Zerstoerung je wieder gut werden koennte. Konnte sie aber, weiss ich heute. Wieder was gelernt.

Dann kamen unsere inzwischen leider beide verstorbenen Freunde Chris und David und halfen mit ihrem Quad beim Umzug so einiger Restbestaende, Honigfaesser und Huehnerstaelle. Ein Holzschuppen wurde gebaut. Der Garten bekam einen ziegendichten Zaun. Die Kueche eine Veranda. Und ich Hochbeete. Trudi, die besondere Katze, gesellte sich zu unserer Menagerie. Der Bauplatz fuer das geplante Haus wurde abgesteckt und die Fundamente gegossen. Die Nachbarin zeigte mir, wie man Pfirsiche und Co. einkocht. Die Tiere waren entspannt.

Der Hausbau begann. Ich war – wie meist – optimistisch. Doch es wurde noch ein Winter in der „alten Kueche“, und dann noch ein Sommer, und dann noch ein Winteranfang, bevor wir in das neue Haus einziehen konnten. Gebaut wurde praktisch bei jedem Wetter, und ohne die Hilfe der Bussemeier-Crew und einiger anderer Freunde haetten wir wahrscheinlich gar kein Haus. In der alten Kueche gab es immerhin noch einen Teilfussboden, bevor ein weiterer schneereicher Winter begann. Thomas B. reiste sogar noch an Gereons Geburtstag an, um zu bauen. Und wie man sieht, kann selbst in der aermsten Huette ein Fernseher aufgebaut und Schokolade gegessen werden, zur Feier des Tages.

Irgendwann im Fruehjahr 2008 kam dann eine Raupe, ein Caterpillar aus Gereons Firma, der von David uebers Land gefahren wurde. Als er fertig war, hatten wir etwa 7 km „Wegenetz“, rauh, aber begehbar. Viele Baeume fielen, es gab viel Chaos, aber die Wege existieren auch jetzt noch, ueberwiegend begehbar. Auf dem Suedland, auf der anderen Strassenseite, wurde ein grosses Rechteck freigeschoben, ein kleiner Teich ausgebuddelt und sowas wie eine Fenceline, also eine Schneise fuer einen Zaun, erkaempft. Ich war mal wieder optimistisch und naiv, sah Zaeune und Ziegen in froehlicher Koexistenz. Auch da wissen wir, wie’s ausgegangen ist, naemlich nicht.

Ebenfalls im Fruehjahr 2008 gesellten sich diese beiden zu unserer wachsenden Tierschar. Ludwig und Lilli. Inzwischen mit Trudi und dem Lama die dienstaeltesten Mitbewoehner, wobei das Lama natuerlich die Krone traegt. Im Sommer kam mein aelteres Kind tapfer in die Wildnis und das halbfertige Haus. Vielleicht traegt die erste Einweisung in die Imkerei heute Fruechte. Wir fuhren zusammen zum Olds College (Fiber Week), genossen die Zivilisation und brachten George mit. Es kam noch mehr Besuch aus Deutschland, es wurde weiter gebaut, Kings liehen uns noch einmal ihre Pferdestaerken, und das Saegewerk hielt seinen Einzug. Der Garten war ueppig und produktiv. Bussis halfen weiter beim Bauen. Derweil produzierte ich Quark. Es gab den Wichtigvogel und eine tolle Tomatenernte. Im November kam der Schnee. Wir waren noch nicht im Haus, konnten es aber zum Zerlegen von Ziegen nutzen. Immerhin. Und am 22.11. endlich: Die Erstbefeuerung des kleinen Oefchens, das mein Vater uns in weiser Voraussicht in den Container gepackt hatte.

Wir hatten das grosse Glueck, dass uns eine meiner Marktkolleginnen einen (Holz-)Kuechenherd schenkte und sogar anlieferte. Ich schleifte nach und nach die wichtigsten Moebel ins Haus, und ein kleines bisschen konnten wir auch auf dem kleinen Oefchen kochen. Und so zogen wir um. In ein himmlisch leeres Haus. Das blieb natuerlich nicht lange so. Und dem kleinen Hund war auch trotz neuem Haus gern noch kalt.

Rueckblick Teil 2: Wir mieten ein Haus und suchen Land – 2005 + 2006

2005 klang aus mit fuer mich schwieriger Stimmung auf der Farm, wo wir uns bzw. in allererster Linie ich mich zwei Jahre mit einer Umgebung auseinandersetzen musste, die ich so nicht mochte, die ich aber auch nicht aendern konnte. Auch menschlich fand ich es zunehmend anstrengend, und so war ich sehr froh, als wir nach erhaltener Aufenthaltsgenehmigung uns nach einem Haus umschauten, das wir mieten konnten. Vorher gab es noch mehr Besuch aus Deutschland und einen zweiten Hund, Zora.

Im Sommer schon hatte ich angefangen, Honig auf dem Farmers‘ Market im „Nachbarort“ Valleyview zu verkaufen, mit fuer mich erstaunlichem Erfolg. Als unsere Vereinbarung mit den Bauersleuten auf der Mutterkuh-Farm ablief, fand Gereon schnell Arbeit in der Naehe, und wir begannen, uns nach Land umzusehen.

Vorher aber mussten alle Tiere umziehen und dann wurde auch der in Deutschland gepackte Container mit unserem Hausstand avisiert – wie aufregend!

Es gab mehr Besuch aus Deutschland, ich entdeckte eine neue Leidenschaft, das Spinnen, und wir fanden unser Land, das wir dann ganz offiziell im Maerz 2006 kauften.

Ab da verbrachte Gereon immer mal wieder Zeit dort, in einem geliehenen Truck mit Camper-Aufsatz, und fing an, Baeume zu faellen, um Platz fuer ein Haus zu schaffen. Auch ein ganz kleines Stueckchen Land wurde umgegraben – der Grundstein fuer den Gemuesegarten war gelegt. Mit Hilfe der Kings und ihrer Pferde wurden jede Menge Stangen zum Bauplatz geschleppt, ich durfte schaelen – das riecht lecker und macht tolle Harzflecken.

Wir bekamen ein Lama, einen neuen Ofen fuer das neue „Gebaeude“, und freundliche Helfer kamen, um mehr Platz zu schaffen. Und mittendrin gab es kleine Ziegen. Und eine neue, elektrische Honigschleuder!

Im August wurde die neue „Kueche“ eingeweiht und das „Pole Shed“ ging seiner Vollendung entgegen. Anabel kam zu Besuch aus Deutschland und erwies sich als hervorragende Unterstuetzung. Wir lernten unsere neuen Nachbarn kennen, die uns seitdem treu mit Heu beliefern und immer zur Hand waren und sind, wenn wir mal wieder Unterstuetzung brauchten und brauchen. Und im September, ein Jahr nachdem wir unser gemietetes Haus bezogen hatten, ging es auch schon wieder weiter. Nie in meinem Leben war ich so oft umgezogen. Und das echte Abenteuer fing gerade erst an!

Rauhnaechte – Zeit fuer Rueckblick: Teil 1 – Auf der Kuhfarm, 2004 + 2005

Heute, am 27.12., vor 15 Jahren sassen wir in einem Flugzeug nach Calgary, der Herr Chef und ich. Ich mit klammen Haenden und sehr krampfig, und der Chef wie meist ziemlich wortlos, aber wahrscheinlich sehr entspannt. Im Gepaeck: der kleine Hund. Der Original-, der erste Kleine Hund. Hier abgebildet mit dem jugendlichen Herrn Chef in unserem Motelzimmer in Edmonton, wo wir, weil wir an einem Samstag ankamen, bis Montags auf unser restliches Gepaeck warten mussten.

Angekommen auf der Farm, auf der wir die naechsten zwei Jahre zu verbringen gedachten, oder so war jedenfalls der Plan, lernten wir alle ganz schoen schnell, dass kalt in Kanada gaaaanz anders sein kann als kalt in Deutschland.

Was ich auch noch lernte: Ich war super-naiv, was „fremde Laender“ angeht, hatte ich doch in meinem gut ueber 40jaehrigen Leben nie viel reisen wollen und war gerade mal bis England, Irland, Daenemark und Italien gekommen als weitestes. Alles schien anders, vor allem aber das Essen. Und die Entfernungen. In der Kombination hiess das: Was ich beim Einkaufen in der Stadt vergass, gab es dann auch praktisch nicht bis zur naechsten Fahrt in die Stadt, alle zwei, drei Wochen oder so.

Also uebte ich Brot backen, und gaertnern, wir schafften uns gleich im ersten Jahr Ziegen an, und ich versuchte mich in der Herstellung von Quark und Kaese machen. Der Chef konnte endlich auf die Jagd gehen, und ich lernte, beim „Versorgen“, also dem Ausnehmen und Zerlegen des erlegten Wildes, nicht in Ohnmacht zu fallen, sondern mit anzupacken.

Wir lebten von einem sehr kleinen Lohn, den Gereon als Aufpasser auf die Kuhherde und Vertretungsfarmer bekam, von kleinen Auftraegen, die ich noch fuer meine deutschen Kunden erledigen konnte, und immer war das Geld sehr knapp. BSE traf uns hart, weil die Krankheit just in unserem ersten Jahr in Kanada aufgetreten war und die Rinderpreise in einen bodenlosen Absturz trieb. Unsere Zwei-Drittel-Beteiligung am herbstlichen Kaelberverkauf war klein und ohne freundliche Zuwendungen aus Deutschland und ohne Rueckgriff auf das deutsche Konto waere es wirklich sehr schwierig geworden.

Gleich im ersten Jahr kamen nicht nur die Ziegen, sondern auch einige Bienenvoelker – ich lernte auch Honig schleudern. Und hatte sogar ein sehr nettes Pferd zur Verfuegung.

Es gab Hirschbraten auf dem Holzofen, Bueffelherden hinter Zaeunen, Schnee, Schnee, Schnee, jede Menge Kaelber, ich lernte Ziegen melken, wir schafften Huehner und Puten an, es kam Besuch aus Deutschland…

Langweilig war es nie. Schwierig oft. Schoen meist. Ich arbeitete in der kleinen Buecherei im Dorf, und wir bastelten an unserer Einwanderung. 2005 war sie durch, und wir und meine Toechter hatten alle eine offizielle kanadische Aufenthaltsgenehmigung. Ganz schoen aufregend!

Und weil, wie immer am Jahrestag unserer Einreise, heute auch Chef-Geburtstag ist, hoere ich jetzt mal auf. Morgen geht’s vielleicht weiter…

Unterdessen weiter noerdlich

Bevor ich mit einem grossen Rueckblick beginne an diesem besonderen Tag, will ich euch erst einmal wieder ein paar Fotos von den Mitbewohnern geben. Zuerst die Merkwuerdigkeiten (wie in: Hoheiten)

Dieser Kerl hat sich oft knipsen lassen, und seine Groesse und die ausgepraegte „Glocke“ (ich nenne das den Bart) lassen auf einen aelteren Bullen schliessen. Die sehr mickrigen „Hoernchen“ koennten auf einen extra-alten Methusalem hinweisen.

Aber es kamen dann auch andere „Hoernchen“ und Frauen und Kinder – eine rechte Elchversammlung ueber die letzten drei Monate. Sehr erfreulich.

So richtig gut im Lack, wie man sieht, aber diese Mimik…!

Und dann wollte ploetzlich die gesamte Maennergruppe ins Bild. Manche haetten ordentlich Platz fuer Geschenke auf den Schaeufelchen. Andere dagegen haben schon ein Schaeufelchen verloren, und zwar nicht freiwillig. Die Herren sind sich nicht immer so ganz gruen, wie man sieht.

Schliesslich wollte auch noch dieser Verein ins Bild, an zwei verschiedenen Tagen, leider nicht so ordentlich wie die Elche. Aber mindestens so beeindruckend (jedenfalls fuer mich – meine Spaziergangplanung jedenfalls haben sie ins Wanken gebracht)

Auf dem ersten Foto, uebrigens, so sagen der Chef und die Nachbarn, steht ein Kojote. Ich bin mir inzwischen gar nicht mehr sicher. Die anderen sind eindeutig keine Kojoten. Und wenn man genau hinguckt, sind es wahrscheinlich vier verschiedene Individuen, zwei dunkle, zwei helle.

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Und in der Nacht mit Leuchteaeuglein und einem freundlichen Laecheln. Watch out, Rotkaeppchen!

Ja, so isses hier im Wald. Ein Luchs war auch noch auf den Bildern, aber das schien uns nicht spannend genug. Gereons Arbeitskollege berichtete, dass er auf dem Heimweg von der Arbeit, knappe zwei Kilometer von seinem Haus entfernt (etwa 25 km Luftlinie von uns) drei (D-R-E-I) Pumas vor sich auf der Strasse hatte, Papa, Mama, Kind. Da mache ich mir schon manchmal ein bisschen Gedanken um Klein-Aurora…

Natuerlich habe ich dem Herrn Chef schon wieder gesagt, dass NIX davon um die Ecke gebracht wird, aber als die Nachbarin (ohne meine Absicht! Ich vermeide tunlichst, den Nachbarn Bilder von „den boesen“ Raubtieren zu zeigen) die Fotos sah, meinte sie gleich: „Das sind jeweils 600 Dollar.“ Es gibt naemlich nach wie vor eine Kopfpraemie auf Woelfe, und im Winter ist so ein Pelz nochmal 200 – 300 Dollar wert. Ich hab’s trotzdem untersagt. Hoffentlich hoert er auf mich… Um uns herum wird allerdings ungebremst geschossen und es werden Fallen gestellt – und dann Praemien eingesammelt. Es scheint tatsaechlich mehr Woelfe als noch vor ein paar Jahren zu geben.

Alle Jahre wieder…

…erfasst mich wider Willen der „Christmas Spirit“. Bei mir geht das so, dass ich mich maessig bis voellig unfaehig finde, eine schoene Weihnachtsatmosphaere zu schaffen. Ich verheddere mich in Aufraeum- und Reinigungsaktionen, die – meine Toechter erinnern sich mit Sicherheit – fuer meine gute Laune nix, aber auch gar nix tun.

Dieses Jahr kaempfe ich dagegen an. Na ja, ganz sanft. Der Miele war schon sehr aktiv heute, aber das liegt auch daran, dass der kleine Hund von jetzt auf gleich beschlossen hat, dass die alten Haare raus muessen, am besten alle innerhalb von drei Tagen.

Aber zu essen gibt’s nichts Aufwendiges, jedenfalls nicht heute. Zur Freude vom Herrn Hoe. gibt es schlichte Reibekuchen.

Waehrend ich tagsueber den immer gleichen Aufgaben nachging, habe ich versucht rauszufinden, was denn fuer mich um diese Jahreszeit wirklich wichtig ist. Und es ist tatsaechlich die Sonnenwende. Die Tage sind jetzt sehr kurz hier, etwa eine Stunde weniger Tageslicht als in Deutschland. Das merkt man ganz besonders, wenn man viel draussen sein muesste. Die Abstaende zwischen den Fuetterungen sind kurz, die Schweinchen wahrscheinlich nicht immer gluecklich, den anderen ist das eher egal. Um vier Uhr muss ich draussen anfangen, sonst wird es finster drueber. Und alles sollte vorm Abendessen geregelt sei, denn danach will ich am liebsten nicht mehr vor die Tuer, ausser zum Sternegucken.

Sonnenwende also, ein grosser Segen! Offiziell, so sagen meine astrologischen und astronomischen Quellen, werden die Tage ab dem 24.12. tatsaechlich wieder laenger. Heute wurde dieses Gefuehl durch viel Sonne unterstrichen. Aber ich war ja drinnen, mit dem Miele… Und mit meinen Minderwertigkeitsgedanken.

Morgen aber kommt Besuch. Der Rotkohl ist schon gekocht, Gulasch gesalzen im Kuehlschrank, Bine bringt Kloesse, und Kathrin Nachtisch. Und ich bin fest entschlossen, mich nicht mit weiteren Hausverbesserungsaktionen verrueckt zu machen.

Stattdessen hoffe ich, ein paar Reihen stricken zu koennen. Von meinen wunderbaren Toechtern habe ich naemlich Wolle bekommen, unter anderem! Als ob sie gewusst haetten, mit welchem Muster ich schon laenger liebaeugele, passen die Knaeuel perfekt. Ich hatte beschlossen, meine eigenen Regeln zu machen und das Paeckchen schon zur Sonnenwende geoeffnet. Und so gibt es schon einige Reihen des Shift Cowl.

Jetzt muss ich nur aufpassen, dass mir die Reibekuchen nicht anbrennen. Dafuer bin ich ein bisschen beruechtigt.

Plaetzchen habe ich uebrigens dann doch auch gebacken. Ein paar Weihnachtsdinge muessen schon mal sein. Das Berliner Brot ist schon verputzt, aber die Florentiner habe ich etwas besser beiseite gestellt.

Die ebenfalls produzierten Zitronenbrezeln schmecken zwar gut, sind aber leider voellig aus der Form gegangen, daher kein Foto…

Begleiten lasse ich das Ganze – und das ist in der Tat schon fast Tradition fuer mich – von Bob Chelmick’s Road Home Radioprogramm, das inzwischen rund um die Uhr von der eigenen Website gehoert werden kann. Poesie und eine eklektische Musikauswahl, dazu kleine Geschichten von Bob und seiner Cabin in the Woods. Nicht fuer jeden, aber ich mag das sehr.

Was auch immer ihr macht, wie auch immer ihr diese Wendezeit des Jahres feiert oder auch nicht: Lasst es euch gut gehen!

Und ploetzlich war sie da

Mit den Verkaeufern der Kuh hatte ich besprochen, dass ich sie mit ihrem Kuhkalb kaufen und erst im naechsten Fruehjahr geliefert bekommen wollte. Das haette mich zwar ab November sozusagen Stallmiete (ohne Stall) gekostet, schien mir aber die sinnvolle Loesung, weil hier noch nichts vorbereitet war. Bei laengerem Nachdenken kam ich dann zu dem Entschluss, sie doch sofort nach positiver Traechtigkeitsuntersuchung und nicht mit ihrem eigenen Kalb, sondern mit einem fremden Stierkalb zu uebernehmen. Denn: ohne ein bisschen Druck passiert hier nix. Fuer mich bedeutete das, ich musste zuegig mehr Stahlpanels kaufen, um die Eseldamen und Hugo weiterhin sicher, aber getrennt unterbringen zu koennen, waehrend Brontë und Kalb im Paddock direkt vorm Haus sein sollten, damit wir uns miteinander vertraut machen koennten. Brontë war diesen Sommer fuer etwa drei Monate gemolken worden, angelernt sozusagen. Mein Plan war, einen provisorischen Melkstand zu bauen (bis die vom Chef zugesagte „Kuhanlage“ in der neuen Remise fertig waere) und die Kuh womoeglich doch noch ein bisschen zu melken. Lilli ging davon aus, dass die Kuh auch das fremde Kalb, mit ein bisschen Ueberredung, noch trinken lassen wuerde.

Aufgeregt war ich schon! Meinen Teil, also die Stahlpanels und den Bau der neuen Paddocks, hatte ich zuegig erledigt. Das Dach auf dem voruebergehenden Kuhschuppen fehlt immer noch. Von Lilli kam die Nachricht, dass Brontë traechtig sei und am 19.11. angeliefert wuerde. Meine Aufregung wuchs. Dann kam ein Anruf von Peter, dem Farmer, dass er aus terminlichen Gruenden am liebsten schon am 17. kaeme, ob das wohl moeglich sei. Es war. Ich war bereit und dachte schon ueber Melkeimer, Schemel, und derlei schoene Dinge nach.

Der 17. kam, und mit ihm glatte Strassen und ein bisschen Schnee. Aber Peter und sein italienischer Praktikant Angelo tauchten puenktlich mit dem dicken Truck und dem ueblichen Riesen-Viehanhaenger vorm Tor auf. Rangieren koennen diese Leute ja alle – Hut ab! Rueckwaerts zirkelte er bis weit in die Einfahrt, alle Fluchtwege waren versperrt und dann wurden die Anhaengertueren geoeffnet. Waehrend wir uns unterhielten, stiegen Brontë und das Kind (das ich vorlaeufig mal Hackepeter nenne *huestel*) vorsichtig aus. Vor lauter Aufregung habe ich kein einziges Foto gemacht.